Wer sind die Autoren? Ein Blick hinter die Kulissen von Wikipedia

Von Maren Breitling, KNA

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Täglich schlagen viele Menschen Informationen bei Wikipedia nach. Doch wer sind die fleißigen Autoren, die Stunden investieren und unzählige Artikel schreiben? Foto: Jens Büttner/dpaTäglich schlagen viele Menschen Informationen bei Wikipedia nach. Doch wer sind die fleißigen Autoren, die Stunden investieren und unzählige Artikel schreiben? Foto: Jens Büttner/dpa

München. Täglich schlagen viele Menschen Informationen bei Wikipedia nach. Doch wer sind die fleißigen Autoren, die Stunden investieren und unzählige Artikel schreiben?

Sein Name: J. Patrick Fischer. 105.026 Bearbeitungen bis Ende Dezember, mehr als 2.500 Artikel, seit 4.532 Tage aktiv bei Wikipedia. Der 44-jährige Chemiker sitzt in einem Münchner Ableger von Wikipedia. Zu erkennen ist er an diesem Winterabend an einem schwarzen Rollkragenpullover, einer Schlüsselkette an der Hose und einer Gürteltasche an der Hüfte.

Spezialgebiet: Osttimor

Patrick Fischers „Hauptinteressensgebiet“ ist der Inselstaat Osttimor in Südostasien. 2002 reiste der 44-Jährige in das Land. Gerade beschäftigt er sich mit der Beziehung zwischen Osttimor und Israel. Auf das Thema ist er durch eine Dokumentation gestolpert. Heute hat er bereits drei Artikel über israelische Botschafter in dem Inselstaat verfasst.

Jetzt schreibt er einen vierten über Itzhak Shoham, weil der von 2002 bis 2005 Botschafter Israels in Osttimor war. Erst mal googelt Fischer den Mann und findet eine gute Quelle: ein Steckbrief von der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS). „Volltreffer. Die anderen Wikipedianer akzeptieren das als Quelle“, freut er sich.

Strenge Regeln in Deutschland

Die Regeln der deutschen Wikipedia-Version gelten als streng im Vergleich zu den Wikis in anderen Sprachen. Damit andere User den neuen Artikel nicht gleich löschen, muss Fischer mindestens drei Sätze als Grundstock formulieren. Wikipedia ist eine frei zugängliche Online-Enzyklopädie. Alle „Wikipedianer“, die Autoren der Artikel, arbeiten ehrenamtlich. Jeder kann mitmachen. Aber die Regeln sind strikt: Die User dürfen Biografien nicht in Form einer Liste schreiben, sie sollen Artikel möglichst als Fließtext formulieren und vor allem muss die Quelle vertrauenswürdig sein. (Weiterlesen: Wikipedianer: Nicht jedem Artikel des Lexikons vertrauen)

Chemiker will jeden Tag zwei Artikel schreiben

„Itzhak Shoham (* 14. November 1947 Buenos Aires, Argentinien) ist ein israelischer Diplomat“, tippt Fischer im kryptisch aussehenden HTML-Format, inklusive Verlinkung zu weiterführenden Artikeln. Mit zwei zusätzlichen Sätzen über Shohams Leben reicht das fürs Erste.

„Im Urlaub mache ich auch mal nichts für Wikipedia“, sagt der 44-Jährige. Hauptberuflich ist er Chemiker: Wenn die Geräte im Labor surren und es nichts anderes zu tun gibt, verfasst er auch schon mal auf der Arbeit Texte. Abends, wenn seine Tochter im Bett ist, setzt er sich dann an den Computer und schreibt weiter. „Gut eine Stunde am Tag arbeite ich ungefähr an den Artikeln. Mein Ziel ist es, jeden zweiten Tag einen Text zu verfassen“, sagt er. Mit dieser Strategie ist er inzwischen auf Platz 82 der deutschen Wikipedia-Editoren gelandet.

Wenig schreibende Frauen

„Die Stimmung auf der Plattform kann sehr hart sein“, sagt Fischer mit ernstem Unterton und blickt ein wenig streng über seine randlose Brille „Das schreckt viele Menschen ab.“ Wikipedianer setzen ihre Regeln konsequent durch und deswegen gibt es viel Kritik. Weil mitunter ein feindseliger Ton in den Diskussionsforen herrscht, sinken die Zahlen der Neueinsteiger stetig. Frauen gibt es kaum - nur jeder zehnte Wikipedianer ist weiblich und 40 Prozent der Autoren sind bereits seit mehr als neun Jahren aktiv. Auch die Klickzahlen sinken, aktuell sind es weltweit aber immer noch 1,4 Milliarden Anfragen pro Monat.

Quantität und Qualität liegen bei Fischer nah beieinander. Er verfasst viele kurze Artikel, schreibt aber auch an hochwertigen und komplexen Texten. „Ein idealer Artikel ist wie eine wissenschaftliche Arbeit aufgebaut“, erklärt er. Eines seiner Meisterstücke: ein Artikel über eine Exklave von Osttimor, Oecusse. Mehrere Wikipedianer bewerteten ihn mit „exzellent“, der höchsten Qualitätsstufe. „Hier musste ich wie bei einer wissenschaftlichen Arbeit vorgehen mit Seitenzahlen im Nachweis“, erläutert Fischer. Außerdem habe er in Sachen Geologie und Architektur nachbessern müssen. Das sei nicht ganz einfach gewesen.

Kritik an Qualität

Maren Lorenz, Historikerin für Neueste Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum, sieht die Qualität der Internet-Artikel gleichwohl kritisch: „Ich verbiete meinen Studierenden, Wikipedia als Referenz zu nutzen.“ Sie kritisiert in einem Artikel die Qualität der Quellen, zudem fehle ein klar definiertes Kontrollsystem. „Wikipedia ist nicht zu hundert Prozent vertrauenswürdig“, räumt Fischer ein. „Das sagt jeder Wikipedianer.“ Er versteht die Plattform mehr als eine Anlaufstelle. Jeder müsse für sich die Quellen prüfen.

Der Chemiker hat sich inzwischen ein Netzwerk aus Wissenschaftlern, Entwicklungshelfern und Bekannten aufgebaut, die ihm vertrauenswürdige Daten liefern. Zu seinen mehr als 2.000 Texten über Osttimor zählen Beiträge zu Parlamentswahlen und Nationalparks, zur aktuellen politische Lage und zur Geschichte. Die meisten Artikel zu Osttimor auf Wikipedia stammen aus Fischers Feder. „Ich möchte das Land bekannt machen. Man erschafft etwas und ist stolz“, sagt er.

Bis Mitternacht erweitert Fischer an diesem Tag die drei Sätze über Shoham mit den Daten aus dem vorhandenen Lebenslauf des Botschafters. Am nächsten Morgen um 5.33 Uhr verbessert er nochmal einen Satz im Text. Sein Lebensglück hänge allerdings nicht von der Plattform ab, beteuert er und schiebt nach: „Ich bin kurz vor süchtig.“


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