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Ukraine-Krieg Experten uneinig: Wie groß ist die Gefahr eines russischen Angriffs für Europa wirklich?

Von Michael Clasen und Nele Wichert | 09.03.2025, 11:11 Uhr
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Beim Expertentalk prallten die Ansichten zum Ausgang des Ukraine-Krieges aufeinander: Ex-Nato General Harald Kujat hat dazu eine klare Meinung: Die Befürchtung eines Angriffes auf den Westen hält er für „Unsinn“. Wie aber stehen die Chancen für die Ukraine und Europa?

Besonders bei der Frage nach Russlands Bedrohung für Europa wurde es im Expertentalk unserer Redaktion kontrovers. Ex-Nato-General Harald Kujat, die Europa-Korrespondentin Katrin Pribyl und Migrationsforscher Dr. Franck Düvell diskutierten über Trumps Friedensplan für die Ukraine, die militärische Lage und geopolitische Entwicklungen. Bei aller Unstimmigkeit, wie man mit Trumps Plänen umgehen sollte und wie viel man Putin trauen könne, blieb eines klar: Europa muss sich selbst schützen und schnell aufrüsten.

„In Wirklichkeit ist es ja so, dass praktisch nur noch ein Verzögerungsgefecht stattfindet.“
Harald Kujat
Ex-Nato-General

Wie ist die militärische Lage?

Besonders umstritten war die Bewertung der militärischen Lage in der Ukraine und die Chancen der Armee, von Russland besetzte Gebiete zurückzuerobern. Während Kujat betonte, dass Putin militärisch überlegen sei und die Ukraine keine realistische Möglichkeit mehr habe, verlorene Gebiete zurückzuerobern, verwies Düvell darauf, dass die Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung weiterhin an einen Sieg glaube.

Die tatsächliche militärische Lage sei jedoch schwer einzuschätzen, da sich die Frontlinien kaum bewegen und es auf beiden Seiten erhebliche Verluste gebe, so Kujat. „In Wirklichkeit ist es ja so, dass in wichtigen Bereichen des Frontverlaufes praktisch nur noch ein Verzögerungsgefecht stattfindet und keine wirksame Verteidigung mehr“, ergänzte er.

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Was sind die Chancen für die Ukraine?

Die Frage nach den Aussichten der Ukraine, den Krieg zu einem für sie günstigen Ende zu bringen, hängt eng mit den militärischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Faktoren zusammen. Katrin Pribyl argumentierte, dass eine unzureichende Reaktion des Westens Russland langfristig ermutigen könnte, über die Ukraine hinaus weitere territoriale Ansprüche zu stellen.

„Nach der Annexion der Krim hat man nachgegeben – und es wurde dann ja doch wieder angegriffen.“
Katrin Pribyl
EU-Korrespondentin

Dagegen betonte Kujat, dass die russische Strategie darauf ausgelegt, eine Art Pufferzone zu schaffen, um eine weitere Nato-Erweiterung zu verhindern. Der ehemalige General hob dabei hervor, Russland habe auch seine eigenen militärischen Ziele bisher nicht erreicht.

Zugleich kritisierte er die in westlichen Medien oft gezeichneten Bedrohungsszenarien: „Russland hat nicht die Absicht, irgendeinen Nato-Staat anzugreifen“. Im Augenblick und auch für die nähere Zukunft sehe er nicht, dass Russland in der Lage wäre, „sehr schnell Westeuropa zu überrollen und einzunehmen“, erklärte er.

Düvell brachte eine weitere Perspektive ein und betonte, dass der Krieg nicht nur aus militärischer, sondern auch aus gesellschaftlicher Sicht betrachtet werden müsse. Seinen Forschungen zufolge steigt die Kriegsmüdigkeit innerhalb der Ukraine, und viele Menschen wünschen sich zunehmend Verhandlungen. Gleichzeitig sei der Widerstand gegen eine vollständige Kapitulation weiterhin stark.

Er wies darauf hin, dass sich das Stimmungsbild in der ukrainischen Gesellschaft verändere: Während im ersten Kriegsjahr eine fast geschlossene Haltung gegen Verhandlungen herrschte, gebe es mittlerweile eine wachsende Gruppe, die einen diplomatischen Ausweg sucht. Besonders unter der Zivilbevölkerung sei die Bereitschaft groß, Alternativen zur militärischen Lösung zu finden. Dennoch bleibe die große Mehrheit der Ukrainer gegen Gebietsabtretungen, was Verhandlungen erschwert.

Fluchtbewegungen: Eine humanitäre Katastrophe?

Der Migrationsforscher betonte in der Diskussion auch die humanitären Folgen des Krieges und warnte vor einem weiteren Anstieg der Flüchtlingszahlen. Er schilderte, dass bereits über zehn Millionen Ukrainer vertrieben wurden und dass eine weitere Eskalation katastrophale Auswirkungen haben könnte.

„Wir reden von maximal 16 Millionen Menschen, die das Land möglicherweise verlassen würden in Richtung Westen.“
Dr. Franck Düvell
Migrationsforscher

In seinem Worst-Case-Szenario würde die Flüchtlingsbewegung nicht nur die Ukraine weiter destabilisieren, sondern auch Europa vor enorme Herausforderungen stellen. Düvell: „Wir reden von mindestens acht, maximal 16 Millionen Menschen, die das Land möglicherweise verlassen würden in Richtung Westen. Das ist eine Riesenkatastrophe für die Menschen, die vertrieben werden. Das ist eine Riesenbelastung für die EU und den Westen.“

Das Beste-Case-Szenario: „Der Krieg hört auf, die Russen ziehen sich zurück, es gibt einen Wiederaufbau. Dann würden die sechseinhalb Millionen ins Ausland Geflüchteten in die Ukraine zurückgehen und andere würden sozusagen einwandern“.

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Trumps Friedensplan: Vermittlung oder Diktatfrieden?

Der von US-Präsident Donald Trump vorgeschlagene Friedensplan war eines der umstrittensten Themen der Diskussion. Während Kujat Trumps Ansatz als eine ernstzunehmende diplomatische Initiative betrachtete, äußerten Pribyl und Düvell Zweifel an dessen Umsetzbarkeit. Kujat argumentierte, dass Trump nicht beabsichtige, der Ukraine einen Diktatfrieden aufzuzwingen, sondern als Vermittler zwischen den Konfliktparteien agieren wolle. „Er will beide Positionen kennenlernen und dann Vorschläge für einen Kompromiss machen“. Der Plan sehe eine Waffenstillstandslinie entlang der derzeitigen Frontlinie vor, was faktisch eine Anerkennung der russischen Gebietsgewinne bedeuten könnte.

Dem hielt Pribyl entgegen, dass Russland nach der Annexion der Krim 2014 ebenfalls keine weiteren Gebietsansprüche angekündigt habe, dann jedoch 2022 in die Ukraine einmarschierte. Dies zeige, dass man russischen Zusicherungen nicht blind vertrauen könne. Auch in Brüssel sei man skeptisch gegenüber einem US-geführten Friedensprozess, da die europäischen Staaten befürchten, dass Trumps Plan vor allem den Rückzug der USA aus der Ukraine-Politik vorbereiten könnte, so die EU-Korrespondentin.

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Die europäische Perspektive: Milliarden für Rüstung, aber Uneinigkeit über Truppen

Die Brüsseler Diskussion über ein 800-Milliarden-Euro-Rüstungspaket verfolgte Pribyl live. Die Frage, ob europäische Staaten militärische Einheiten in die Ukraine entsenden sollten, sorgte auch im Expertentalk für Wortstreite. Während Frankreich und Großbritannien dies befürworteten, blieben Deutschland und Italien wohl eher zurückhaltend, wie die Korrespondentin beobachten konnte. „Die Europäer sind sich einig, dass sie die Ukraine unterstützen müssen“ – aber nicht, wie weit sie dafür gehen wollen. Kujat hingegen hielt solche Überlegungen für unrealistisch: Das Gerede über europäische Friedenstruppen sei deplatziert. „Wir wissen, dass Russland keine Truppen aus Nato-Staaten [an der demilitarisierten Zone] akzeptieren wird“.

Verfolgen Sie hier unseren Liveblog zum Ukraine-Krieg.

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