Tag für Musikliebhaber Bremer Plattenläden hoffen auf neue Kunden am Record Store Day

Kein normaler Tag im Plattenladen: Der Bremer Golden Shop schmückt sich jedes Jahr für den Record Store Day. Foto: Golden ShopKein normaler Tag im Plattenladen: Der Bremer Golden Shop schmückt sich jedes Jahr für den Record Store Day. Foto: Golden Shop

rs/dpa Ulm/Bremen. Rund 190 Läden in Deutschland, Österreich und der Schweiz nehmen dieses Jahr am Record Store Day (RSD) teil. Auch in Bremen wollen die Läden mehr Kunden wieder auf den Geschmack der Schallplatte bringen.

Die Idee wurde vor zehn Jahren in den USA geboren. Damals schien das Aussterben der Vinylplatte angesichts der Konkurrenz durch CD und Internet fast besiegelt zu sein. Um die Platte und die kleinen Plattenläden zu retten, brachten Musiker speziell für den RSD produzierte oder neu aufgelegte Alben, Maxis oder Singles auf Vinyl heraus. Zum nunmehr 10. Record Store Day sind es mehr denn je.

„Bestellen und kaufen kann man diese Scheiben allein in unabhängigen Läden, also nicht in Großmärkten und bei Online-Händlern“, sagt der Hamburger RSD-Koordinator für den deutschsprachigen Raum Jan Köpke (47). Stars wie Bruce Springsteen halfen der Bewegung einst auf die Beine: „Ich lasse schnell mal 500 Dollar in einem Plattenladen“, ließ er sich damals zitieren. Neben gerade angesagten Musikern gibt es diesmal eine Huldigung „kürzlich verstorbener Legenden“. Unter ihnen der einstige RSD-Botschafter Lemmy Kilmister mit Auskoppelungen seiner Band Motörhead. David Bowie steht auf der Liste der Sonderpressungen ebenso wie Prince.

„Die Idee ist super, und es bringt Kunden in den Laden“

Vertreten sind auch Pink Floyd, Pearl Jam, Paul McCartney und die Sex Pistols. Die Hamburger Hip-Hop-Gruppe Fettes Brot bietet ein orangefarbenes „Brot der frühen Jahre“ von 1992 bis 1994 sowie 1996 bis 1997. Insgesamt ist das Angebot kaum überschaubar. Die Veranstalter verweisen auf eine hohe Nachfrage angesichts des anhaltenden Vinyl-Booms. Nach Angaben des Branchendienstes gfu wurden 2016 in Deutschland 3,1 Millionen Schallplatten verkauft. Gegenüber 2015 stieg der Umsatz um 40 Prozent auf 70 Millionen Euro.

Auch in Bremen wird der RSD gefeiert. Dabei haben einige Plattenladenbetreiber gemischte Gefühle. Frank „Bunny“ Steinweg von „EAR Schallplatten“ sagt: „Das ist ein Werbe-Tool geworden für die Plattenindustrie, die mit künstlicher Knappheit versucht, auf sich aufmerksam zu machen.“ Zudem, beklagt er, würden die exklusiven Veröffentlichungen beispielsweise bei Amazon schon vor dem Record Store Day zu horrenden Preisen zum Verkauf stehen.

Ein weiterer Kritikpunkt: „Es gab Veröffentlichungen, die ein halbes Jahr nach dem RSD ganz regulär herausgebracht wurden. Das ist sehr ägerlich“ – denn eigentlich sollen die Platten schließlich exklusiv sein. Mitmachen tut er trotzdem, schon seit er vor zehn Jahren den Laden übernommen hat: „Die Idee ist super, und es bringt Kunden in den Laden, die ich hier vorher noch nie gesehen habe. Die kommen allerdings auch nicht wieder.“

Horrende Preise im Internet

Jan Wolf vom „Boombastic Store“ teilt sich ein Ladenlokal mit Steinweg. Auch er sieht den RSD kritisch: „Für den Handel ist der RSD sicherlich nicht schlecht, weil er Leute in die Läden bringt, und Umsatz bringt er auch. Das hat sich kontinuierlich entwickelt. Vor vier, fünf Jahren hat das kaum jemanden interessiert. Aber es ist eben auch big business geworden.“ Dass Kunden frustriert sind, weil „ihr“ Plattenladen nicht sämtliche Platten, die zum RSD erscheinen, führt, gehört für ihn aber ebenso dazu wie der Umstand, dass die seltenen Stücke wenig später, wenn nicht gar schon vor dem RSD, zu horrenden Preisen im Internet verkauft werden.

„Da wird auch Schindluder getrieben“

Norbert Fecker, der mit Volker Sieberg „Hot Shot Records“ in der Bremer Innenstadt betreibt, begleitet den RSD konstruktiv kritisch. „Der RSD ist eigentlich eine sinnvolle Erfindung gewesen, um die unabhängigen Plattenläden wieder in den Focus zu rücken. Das finde ich wichtig, weil ich denke, dass gerade in unabhängigen Plattenläden Kultur gefördert und weitergetragen wird. Denn dort passiert ganz viel neben dem Mainstream, seien es lokale Szenegeschichten oder Dinge aus dem Underground. Und wenn ich die letzten Jahre Revue passieren lasse, kann ich sagen, dass der RSD immer eine schöne Veranstaltung war, weil sämtlichen Unkenrufen zum Trotz viele Menschen in die Plattenläden kommen und glücklich wieder nach Hause gehen.“ Dass es zunehmend kritische Stimmen gibt, nimmt Fecker durchaus wahr.

„Was ich grundsätzlich anprangere, sind die exorbitant hohen Preise, die nicht von den Läden kommen, sondern von den Plattenfirmen, die den Handelsabgabepreis für die Sondereditionen enorm in die Höhe treiben“, sagt Fecker. „Eine andere Kritik geht dahin, dass es kaum zu vermeiden ist, wenn Menschen die Platten kaufen, um sie am gleichen Tag im Internet zu versteigern. Da wird auch Schindluder getrieben.“

Auch Konzerte in teilnehmenden Läden

Ausma Zvidrina, die den Buch- und Plattenladen Golden Shop betreibt, sagt, sie „verstehe das Genörgel nicht“. „Ich finde den RSD super. Er bringt neue Leute in den Laden, auch aus dem Umland, die durchaus auch wiederkommen. Und es bringt natürlich Umsatz.“

Was derweil vor allem in den USA zum RSD gang und gäbe ist, dass nämlich in den teilnehmenden Läden auch Konzerte stattfinden, plant allerdings keiner der Bremer Plattenläden. Zvidrina berichtet, dass in vergangenen Jahren bei ihr im Laden oft DJs aufgelegt hätten. „Aber das hat leider niemanden interessiert.“

Fecker sieht das ganz ähnlich: „Ich glaube, die Leute sind auf die limitierten Veröffentlichungen fokussiert. Wenn du dann noch eine Band auftreten lässt, interessieren sich für die vielleicht zwei Leute, alle anderen stöbern bei den Platten. Wir hatten das mal probiert, waren aber nicht glücklich damit.“


Folgende Geschäfte in Bremen nehmen am Record Store Day teil: EAR Schallplatten und Boombastic Store, Vor dem Steintor 104;

Golden Shop, Fehrfeld 4; Hot Shot Records, Knochenhauerstr. 20.

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