Ein langer Weg Stiftung unterstützt behinderte Menschen mit leidvoller Erfahrung in Heimen

Von Ralf Sussek

Helmut Arnold. Foto: Ralf SussekHelmut Arnold. Foto: Ralf Sussek

Bremen. Es ist hoffentlich Vergangenheit: Behinderte Menschen werden in Heimen oder in Psychiatrien schlecht behandelt. Sie werden geschlagen oder sexuell missbraucht, gesundheitlich schlecht versorgt oder bekommen keinen Schulabschluss.

Wer in den Jahren 1949 bis 1975 in der Bundesrepublik und bis 1990 in der DDR Besonders in einem Heim für Behinderte oder in der Psychiatrie gelebt hat und diese Erfahrungen machen musste, kann nun mit der Anerkennung seines Leids rechnen – und unter Umständen mit einer Zahlung der „Stiftung Anerkennung und Hilfe“.

Medizinisch sinnvoll, erzieherisch „unter aller Würde“

So wie Helmut Arnold. Der 55-Jährige ist von 1970 bis 1975 in den Rotenburger Anstalten (heute Rotenburger Werke) aufgewachsen. „Keine lustige Zeit“, wie Arnold am Dienstag sagte. Krank war er, schwer krank. Die Kinderlähmung wurde behandelt, wie es in dieser Zeit eben getan wurde. Nach einer Operation mit Verlängerung der Achillessehnen musste Arnold auch in der Schule auf Socken laufen. „Meine ersten Schuhe hatte ich in der dritten Klasse.“ Nachts war er am Bett fixiert, lag teilweise in Gipsschalen. Was aus der Ferne noch im weitesten Sinne als medizinisch sinnvoll beurteilt werden kann –  die Erziehungmethoden waren es nicht. „Unter aller Würde“, wie Arnold sagte. Bei Vergehen wurden Kinder tagelang in ein Zimmer eingesperrt, in der Schule als krank abgemeldet. Arnold selbst („ich war ein griffiges Kind“) musste eine Zwangsdiät machen. Zum Beispiel mit Reis. Sein damaliges Taschengeld („Einsfünfzig in der Woche, damals noch Mark“) benutzte er, um seine Mutter anzurufen.

Ein langer Weg

„Ich bin heilfroh, dass das nach über 40 Jahren endlich ans Tageslicht kommt“, sagte Arnold. Bis dahin war es ein langer Weg, für ihn, aber auch, bis die „Stiftung Anerkennung und Hilfe“ von Bund, Ländern und den christlichen Kirchen ins Leben gerufen wurde. Betroffene können sich nun – nach dem Wohnortprinzip – an die Beratungsstelle wenden. Arnold, der in Bremen wohnt, hat dies auch schon getan. So wie mittlerweile 27 weitere Menschen. Betroffene können bis zu 9 000 Euro pauschale Geldleistung sowie bis zu 5 000 Euro Rentenersatzleistung erhalten. Die aber für Arnold nicht das Wichtigste sind. Es geht ihm vielmehr darum, dass die Gesellschaft das erlittene Unrecht anerkennt.

Besonderer Kontakt zu besonderer Lehrerin

Die Lehrerin, die ihm die ersten Schuhe verschaffte, hat Arnold viele Jahre später in einem Pflegeheim ausfindig gemacht, sie fünf Jahre lang regelmäßig besucht, bis sie gestorben ist. „So konnte ich ihr das zurückgeben, was sie mir gegeben hat.“ Bremer stellen Anträge im Amt für Versorgung und Integration, Telefon 0421/361-5292.


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