Es lebe der Fortschritt Kunsthalle Bremen zeigt Franz Radziwill und seine Verbindung zur Hansestadt

Von Rolf Stein

Auch der Bau des seinerseits höchsten Wasserturms in Europa inspirierte Franz Radziwill zu einem Gemälde: „Der Wasserturm in Bremen“, 1932, Öl auf Holz. Foto: Kunsthalle EmdenAuch der Bau des seinerseits höchsten Wasserturms in Europa inspirierte Franz Radziwill zu einem Gemälde: „Der Wasserturm in Bremen“, 1932, Öl auf Holz. Foto: Kunsthalle Emden

Bremen. Vor fünf Jahren befasste sich eine Ausstellung in Dangast, Wilhelmshaven und Oldenburg mit dem Verhältnis des Malers Franz Radziwill zum Nationalsozialismus. Einerseits Parteimitglied von 1933 an, andererseits in Ungnade gefallener Kunstprofessor in Düsseldorf, als NSDAP-Kreiskulturstellenleiter in Dangast wie als „entarteter Künstler“ war seine Stellung ganz offensichtlich nie ungebrochen. Manchem galt er als „Naziwill“, andere vertreten die Ansicht, er habe sich bereits nach seiner Entlassung in Düsseldorf innerlich von der Parteiideologie abgewandt.

Letztgültig klären lassen mag sich nie, wie Radziwill selbst darüber dachte. Als unbestritten gilt, dass er auch in der Zeit des „Dritten Reichs“ künstlerisch an seiner Linie festhielt. Ungleich unverfänglicher und deutlich weniger umstritten ist ein Verhältnis, das jetzt in einer Ausstellung der Kunsthalle Bremen untersucht wird: das Radziwills zu der Stadt Bremen, in der er aufwuchs und seine ersten künstlerischen Gehversuche unternahm, bis er sich 1923 in Dangast an der Nordsee niederließ. Wobei die Kunsthalle selbst dabei eine entscheidende Rolle spielt. Hier sah der junge Künstler Van Gogh und die „Brücke“-Maler, kam in Berührung mit der Moderne, mit Impressionismus und Expressionismus – und schließlich zu seinem magischen Realismus, der ihn bekannt machte, geradezu modellhaft in seinem Bild vom Wasserturm mitsamt Umgebung zu sehen, der zwar mit naturalistischer Präzision nachempfunden ist, aber in ein geradezu mystisches Licht getaucht scheint.

Technik und Fortschritt als zentrales Thema

Dabei sind es nicht landschaftliche oder architektonische Motive an sich, die Radziwill in seiner Umgebung fand, die sein Werk prägen. Die Faszination des jungen Künstlers für Technik und Fortschritt, gespeist durch die Nähe zum florierenden Hafen, vom Bau des seinerzeit höchsten Wasserturms Europas, aber auch von den ersten Flugzeugen der Focke-Wulff-Werke, wird zum zentralen Thema seiner Arbeit, bis in den 40er-Jahren andere Züge hinzukommen, die teils im Wortsinne metaphysisch sind. Besonders sinnfällig ist das in dem Bild „Mechanische Zeit ist nicht des Schöpfers Zeit“ von 1947 zu sehen: Hinter (griechisch: meta) der Physik menschlichen Strebens, die hier in einer grauen Hafenwelt mit einem waffenstarrenden Kriegsschiff besteht, erscheint eine andere, schwarze Sphäre, in der eine Uhr ins Bodenlose stürzt.

Krieg machte Radziwill zum Skeptiker

Es dürften nicht zuletzt die Verheerungen des Kriegs gewesen sein, die ihn zum Skeptiker machten. Auf dem für diese Schau aus dem Rathaus entliehenen Bild „Die Klage Bremens“, das die zerstörte Stadt zeigt, flieht ein Engel, der ein Banner mit dem Wort „Menschheit“ trägt, vor einem Flugzeug, auf dem das Wort „Technik“ steht. Kein Wunder, dass er sich nach dem Krieg in Sachen Naturschutz einsetzte und sich gegen verschiedene Bauvorhaben engagierte. Den malerischen Positionen auf die Spur kommt man dabei übrigens nicht nur per Ausstellungsbesuch, sondern auch im Rahmen von Fahrradtouren, die zu den Stellen führen, die sich in Radziwills Kunst ohne Weiteres erkennen lassen, auch wenn vor allem der Zweite Weltkrieg für einige Verwerfungen gesorgt hat.

Ausstellung ist bis zum 9. Juli in der Kunsthalle zu sehen

Bis zum 9. Juli in der Kunsthalle Bremen; Radziwill-Radtouren gibt es am 2. und am 4. April, jeweils ab 14 Uhr, nähere Informationen im Internet: www.kunsthalle-bremen.de


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN