Zwei Geschichten persönlicher Trauer Lesung mit Charlotte Link und Bärbel Schäfer in Bremen

Von Martin Kowalewski

Charlotte Link (l.) und Bärbel Schäfer verarbeiten in ihren Büchern jeweils den Tod ihrer jüngeren Geschwister. Auszüge lasen sie am Mittwoch vor rund 400 Zuhörern im Weserstadion vor. Foto: Michael BahloCharlotte Link (l.) und Bärbel Schäfer verarbeiten in ihren Büchern jeweils den Tod ihrer jüngeren Geschwister. Auszüge lasen sie am Mittwoch vor rund 400 Zuhörern im Weserstadion vor. Foto: Michael Bahlo

Bremen. Zwei Geschichten persönlicher Trauer aus dem Leben zweier Promis. Einmal ein zermürbender Kampf, einmal ein unerwarteter Schock, ein „Nieselregentod“. Krimiautorin Charlotte Link, geboren in Frankfurt und wohnhaft in Bremen, liest aus „Sechs Jahre“ Passagen über den Tod ihrer Schwester nach langer Krebserkrankung. Die in Bremen geborene und heute in Frankfurt lebende Moderatorin Bärbel Schäfer gibt Einblicke in das Buch „Ist da oben jemand? Weil das Leben kein Spaziergang ist“ über den Unfalltod ihres Bruders.

Die Lesung zugunsten des Vereins „Trauerland“, der Angebote für trauernde Kinder und Jugendliche macht, ist stimmungsschwer, zeigt aber, dass das Schreiben und miteinander Sprechen auch Trauer lindern können. Etwa 400 Gäste kamen am Mittwoch in die ausverkaufte VIP-Loge-Ost des Weserstadions.

„Eine Leere, die sich durch nichts füllen lässt“

Viele Gäste blicken zur Bühne, um kurz darauf nachdenklich die Lider zu senken. „Wir haben beide jüngere Geschwister verloren, die 46 Jahre alt waren“, sagt Link. „Wir beide waren da etwa 50.“ Schäfer geht dazwischen: „Du. Ich nicht.“ Link vollendet die Scherzvorlage: „Versuche es gar nicht erst. Wir beide haben dasselbe Geburtsjahr.“ Das lockert auf, echtes Moderationsgeschick. Ein bisschen Schmunzeln ist zu hören, sonst eher Stille und gelegentliches Seufzen. „Wie fühlt sich Trauer für Dich an?“, fragt Schäfer ihr Gegenüber. „Leere ist der Begriff, der mir dazu einfällt. Eine Leere, die sich durch nichts füllen lässt“, sagt die erfolgreiche Schriftstellerin.

Schäfer verarbeitet in ihrem Buch den Unfalltod ihres Bruder

„Nieselregentod“ heißt der Part im Buch, in dem Schäfer ihren Besuch am Unfall- und Todesort ihres Bruders an der Berliner Kurve der Autobahn 9 am 17. Oktober 2013 beschreibt. Hier hatte sich ihr Bruder mit seinem Porsche überschlagen. „Ich lege Blumen am Autobahnstreifen nieder. Hier, wo es Dir den Kopf vom Leib gefetzt hat, suche ich Lebenszeichen und finde nur ausgelaufenes Motoröl. Der Schmerz drückt mir das Wasser aus den Augen“, liest Schäfer mit recht fester, fast schon impulsiver Stimme vor. Sie stellt sich ihrer Erfahrung.

Link empfiehlt Optimismus entgegen medizinischer Einschätzungen

Link liest eine Passage dazu vor, wie Ärzte nicht mit Patienten umgehen sollten. Es geht um den Tag, an dem ihre Schwester erfährt, dass sie unheilbar krank ist. „Die Ärztin schießt die Hiobsbotschaften ab wie aus einem Maschinengewehr“, liest Link. „Null Hoffnung, Chemo- und Strahlentherapie. Die verbleidende Lebenszeit bis zum Ende des Jahres wird grausam.“ Die Ärztin habe ihr empfohlen ein Fotoalbum zu kaufen, um für die Kinder den Krankheitsverlauf zu kommentieren, denn am Ende würde sie anders aussehen. Als die Schwester ihre Mutter anrief, habe sie nur noch schreien können. Zwei Krankenpfleger stürmten herbei. Sie fürchteten einen Suizid-Versuch. „Nichts von dem, was die Onkologin vorhergesagt hat, traf ein“, sagt Link. Die Schwester lebte noch sechs Jahre. Link empfiehlt Optimismus auch entgegen medizinischer Einschätzungen. Die Gäste wirken zum Teil entgeistert ob der gerade gehörten Geschichte.

„Im Geschwisterland sind die Lichter aus“

Ähnlich sind die Erfahrungen der beiden Frauen als einzige überlebende Geschwister. „Wenn meine Eltern sterben, werde ich mich einsam fühlen“, sagt Link. „Der einzige Mensch, der sie aus der gleichen Perspektive gesehen hat, wie ich, ist nicht mehr da.“ Schäfer liest: „Im Geschwisterland sind die Lichter aus. Ich bin das Überbleibsel unserer Kindheit.“ Nun gäbe es nur noch Monologe, wo früher Dialoge waren. „Es sind die Fragen wie ,Weißt Du noch, damals‘. Wie Nadelstiche treffen rührende Erinnerungen in mein Herz“, liest Schäfer weiter.

Publikum ist tief berührt

Das Publikum ist tief berührt. „Das waren sehr persönliche Einblicke, einfach pulsierend und emotional. Das hat mich in vielem bestätigt, etwa, dass man Trauernde nicht alleine lassen soll und dass das Sprechen hilft“, sagt Michelle Thiekötter aus Bremen-Nord. Im gemeinsamen Gespräch der Autorinnen wird letztlich deutlich: Irgendwann kommen Hoffnung und Lebensfreude zurück.


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