Sieger im „Haifischbecken“ Bremer Wissenschaftler entwickeln intelligentes Fördersystem

Von Viviane Reineking

Das „Celluveyor“-Team in der Forschungshalle des Biba vor dem Demonstrator: Ariandy Yoga Benggolo (v. l.), Hendrik Thamer und Claudio Uriarte. Foto: Alexander FlögelDas „Celluveyor“-Team in der Forschungshalle des Biba vor dem Demonstrator: Ariandy Yoga Benggolo (v. l.), Hendrik Thamer und Claudio Uriarte. Foto: Alexander Flögel

Bremen. Ihre Entwicklung ist möglicherweise ein wichtiger Baustein der digitalen Fabrik von morgen: Drei Wissenschaftler vom Bremer Institut für Produktion und Logistik (Biba) haben ein intelligentes Fördersystem entwickelt, das auf einem zellularen Ansatz basiert. Ein Europäisches Patent ist bereits angemeldet, die Gründung eines Unternehmens für das erste Quartal 2017 geplant.

Maschinenbau- und Patentingenieur Claudio Uriarte hatte die Idee zum „Cellular Conveyor“ oder kurz „Celluveyor“. So haben die Biba-Wissenschaftler das Fördersystem genannt. „Cellular“ steht für eine aus Zellen gebildete Struktur, „Conveyor“ ist das englische Wort für „Förderband“. Mit einem klassischen Förderband allerdings hat diese multifunktionale Anlage, die in alle Richtungen funktioniert, nicht mehr viel zu tun.

Ein äußerst flexibles System

Um zu verstehen, wie die Entwicklung funktioniert, ein paar technische Details: „Celluveyor“ ist ein äußerst flexibles System, das auf dem Ansatz der zellularen Fördertechnik basiert. In kleinen, sechseckigen Modulen befinden sich speziell angeordnete omnidirektionale Räder, die jeweils einzeln und gezielt angesteuert werden. So können nach Angaben des Institutes mehrere Objekte gleichzeitig und unabhängig voneinander auf beliebigen Bahnen bewegt und positioniert werden. Auf kleinstem Raum bewältigt der „Celluveyor“ so komplexe Materialflüsse. Weil das Fördersystem einfach aufgebaut sei, lasse es sich sehr flexibel an unterschiedliche Bedarfe anpassen. Außerdem sei es leicht und kostengünstig durch die Anwender selbst zu warten. Durch seine intelligente Steuerung werde es zu einem elementaren Baustein für die digitale Fabrik von morgen, heißt es.

Sieger im „Haifischbecken“

Dass ihre Erfindung nicht nur clever ist, sondern auch in der Wirtschaft ankommt, zeigt der Erfolg des Wissenschaftler-Teams – zu dem neben Uriarte auch Hendrik Thamer und Ariandy Yoga Benggolo gehören – bei einem Innovationswettbewerb eines großen Logistikdienstleisters. Sie wurden eingeladen, ihre Entwicklung vor internationalem Publikum und einer Jury beim „DHL Innovation Day“ zu präsentieren und sich im sogenannten „Haifischbecken“ („Shark Tank“) zu behaupten. Dabei handelt es sich um einen Wettbewerb, bei dem Existenzgründer und Start-up-Unternehmen die Chance bekommen, potenziellen Investoren ihre Ideen vorzustellen. „Shark Tank“ ist übrigens auch der Name der US-amerikanischen Variante der in Deutschland unter dem Titel „Die Höhle der Löwen“ laufenden TV-Gründershow.

Investor Frank Thelen gab den Bremern seine Stimme

Zurück zum Wettbewerb: Gesucht wurden „innovative Ideen und führende Jungunternehmen aus dem Wirtschaftszweig Logistik“. Bei einem sogenannten Start-up-Pitch traten die Kandidaten gegeneinander an, mussten innerhalb kurzer Zeit den Unternehmensgegenstand sowie das Geschäftsmodell überzeugend darstellen. Publikum und Expertenjury – besetzt unter anderem mit „Löwen“-Investor Frank Thelen – stimmten für das Bremer Team. Der Sieg sei eine „hervorragende Motivation für uns“, so Thamer, der mit seinen Kollegen und mit Hilfe des Forschungstransfer-Programmes „Exist“ des Bundeswirtschaftsministeriums gerade die Unternehmensgründung vorbereitet.

Biba setzt nicht nur Theorie, sondern auch praktische Anwendung

Dass gute Ideen aus Universitäten und Hochschulen auch tatsächlich in der Praxis angewendet werden, ist keine Selbstverständlichkeit. „Was bringen die besten Ideen und Entwicklungen, wenn sie nach getaner wissenschaftlicher Arbeit ungenutzt in den Hochschullaboren verstauben?“, kritisiert denn auch Biba-Leiter Prof. Michael Freitag. Forschungsarbeit und Entwicklung des Institutes sollen laut Freitag auch zur Anwendung kommen.

„Industrie 4.0 und der Markt brauchen Lösungen genau dieser Art“

Unterstützung bekommt das Gründerteam deshalb von der Bremer Patent- und Verwertungsagentur „Innowi“. Seit rund vier Jahren begleitet Innovationsmanager Ernesto Morales Kluge das „Celluveyor“-Projekt. Er hat unter anderem die Anmeldung für ein europäisches Patent vorbereitet und ist sich sicher: „Industrie 4.0 und der Markt brauchen Lösungen genau dieser Art.“


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