„Feuerwehr-Kräfte“ im Einsatz Studenten als Klassenlehrer in Bremen

Von Helen Hoffmann

Der Pressesprecher der GEW in Bremen, Bernd Winkelmann, steht vor der Wandtafel eines Klassenzimmers einer Schule in Bremerhaven. Jede elfte Unterrichtsstunde im Land werde nicht von einer vollausgebildeten Lehrkraft gegeben, kritisiert die Gewerkschaft. Foto: dpaDer Pressesprecher der GEW in Bremen, Bernd Winkelmann, steht vor der Wandtafel eines Klassenzimmers einer Schule in Bremerhaven. Jede elfte Unterrichtsstunde im Land werde nicht von einer vollausgebildeten Lehrkraft gegeben, kritisiert die Gewerkschaft. Foto: dpa

Bremen. Wenn Ramona Seeger in Bremen vor ihren Schülern steht, ist sie eine Lehrerin wie viele andere. Selbstbewusst unterrichtet die 29-Jährige Politik und Deutsch. Pro Klasse ist die junge Frau für bis zu 26 Schüler verantwortlich. Dass sie keine ausgebildete Lehrerin ist, wissen die Jugendlichen allerdings nicht. Nur im Kollegium ist bekannt, dass Seeger noch kein Referendariat hat: „Wir werden Feuerwehr-Lehrkräfte genannt“, erzählt sie. Der Lehrermangel ist bundesweit ein Problem.

Für das Bundesland Bremen sehen die Zahlen auf den ersten Blick nicht gut, aber auch nicht dramatisch aus. Das Bildungsressort zählt knapp 40  offene Stellen in Bremerhaven, rund 35 offene in Bremen. Insgesamt gibt es in dem Zweistädtestaat mehr als 6 740 besetzte Vollzeitstellen, dazu mehr als 200 Stellen für Vertretungslehrer.

Über 230 Bremer-Vertretungslehrer haben ihr Studium noch nicht abgeschlossen

Aufsehen erregen andere Zahlen. Mittlerweile werde in der Stadtgemeinde Bremen jede elfte Unterrichtsstunde nicht von einer voll ausgebildeten Lehrkraft gegeben – oder sie falle ganz aus: „Tendenz steigend“, urteilte der Bremer Landesverband der Lehrergewerkschaft GEW. Mehr als 230 Vertretungskräfte in der Stadtgemeinde hätten ihr Studium noch nicht beendet, sondern besäßen nur einen Bachelor-Abschluss. Das Bildungsressort korrigiert die Zahlen nach unten: „Etwa 180 Lehrkräfte ohne zweites Staatsexamen arbeiten für uns. Sie sollten ausschließlich innerhalb unseres Vertretungspools im Einsatz sein“, sagt Sprecherin Annette Kemp.

Studenten sollen nicht als Ersatz für ausgebildete Lehrkräfte eingesetzt werden

Die GEW kritisiert die Entwicklung. „Ich halte das für eine Überforderung“, sagt Ilka Hoffmann, die im GEW-Hauptvorstand für Schule verantwortlich ist. „Dass Studenten einzelne Unterrichtsstunden halten, ist ganz normal.“. Als Ersatz für ausgebildete Lehrkräfte dürften sie aber nicht eingesetzt werden. Zu dem Beruf gehöre eine solide pädagogische und fachliche Ausbildung. Das Bremer Bildungsressort verweist auf die schwierige Lage. Es sei derzeit nicht möglich, den Vertretungsunterricht nur mit fertig ausgebildeten Lehrkräften zu gestalten, sagt Kemp. „In anderen Bundesländern ist der Einsatz von Lehrkräften ohne zweites Staatsexamen auch gängige Praxis.“

Winkelmann: „Wir müssen darauf achten, dass die Qualität des Berufs gehalten wird“

Der Pressesprecher des GEW-Landesverbandes Bremen, Bernd Winkelmann, zeigt für die Lage im kleinsten Bundesland Verständnis. „Das ist eine Notsituation“, sagt er. Aber: „Wir müssen darauf achten, dass die Qualität des Berufs gehalten wird.“ Das Verhältnis zwischen ausgebildeten und nicht fertig ausgebildeten Lehrern stimme nicht mehr.

Sorge um den Beruf des Lehrers

Wie die Lage in anderen Bundesländern ist, weiß die GEW nicht. „Das ist schwer einzuschätzen, weil wir die Daten nicht haben“, sagt er. Die Tendenz, auf Studenten zurückzugreifen, sei aber deutlich. Für angehende Referendare wie Ramona Seeger heißt das: Einerseits ist der Lehrermangel eine Chance, früh Praxiserfahrung zu sammeln und Geld zu verdienen. Andererseits sorgen sich die jungen Menschen um die Zukunft des Lehrerberufs. „Wenn es zur Normalität wird, dass Studierende unterrichten – wozu braucht es dann noch eine lange Ausbildung und gut bezahlte Lehrer?“, fragt sich nicht nur Seeger. Genau das befürchtet auch die GEW und betont, dass Studenten nur als Aushilfskräfte und nicht auf Planstellen eingesetzt werden dürften.

Seeger: „Mir fehlen noch viele Dinge“

Seeger ist froh, dass im Februar das Referendariat beginnt. „Ich glaube schon, dass mir noch viele Dinge fehlen“, sagt sie. Die 29-Jährige ist sicher: Erst nach dem Vorbereitungsdienst kann sie aus einer breiten didaktischen Reserve schöpfen: „Das kommt dann auch den Schülern zugute.“