Im Interview Michael Talke inszeniert „Der Barbier von Sevilla“ am Theater Bremen

Von Ute Schalz-Laurenze

„Verlauste Haare unter schlecht sitzenden Perücken“: Hyojong Kim, Nerita Pokvytyte, Birger Radde, Patrick Zielke und Christoph Heinrich (v.l.). Foto: Jörg Landsberg„Verlauste Haare unter schlecht sitzenden Perücken“: Hyojong Kim, Nerita Pokvytyte, Birger Radde, Patrick Zielke und Christoph Heinrich (v.l.). Foto: Jörg Landsberg

Bremen. 1775 erschien das Schauspiel „Der tolle Tag“ von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, eine vorrevolutionäre Provokation, die in diesem Sinne auch 1786 von Mozart vertont wurde. 1816 nahm Gioacchino Rossini das Buch zur Vorlage seiner Oper „Der Barbier von Sevilla“.

Der Inhalt ist bekannt: Graf Almaviva schleicht sich als Musiklehrer in das Haus des Bartolo, der sein Mündel Rosina, auf das Almaviva es abgesehen hat, eingesperrt hält, weil er es heiraten will. Bekannt ist auch Rossinis Musik, die einen regelrechten Sog entwickelt. Heinrich Heine hörte in ihr „staatsgefährliche Triller und revolutionärrische Koloraturen“. Was diese Geschichte und die dazugehörige Musik heute bedeuten könnten, darüber sprachen wir mit dem Regisseur Michael Talke und dem Dirigenten Olof Boman, die das Werk am Theater Bremen auf die Bühne bringen

Warum hat Rossini solche Konjunktur in den Opernspielplänen?

Olof Boman: Ich glaube, es ist sehr einfach. Seitdem die historische Aufführungsforschung ab den 70er-Jahren so viele Erkenntnise gebracht hat, kommt man an Rossinis Größe nicht mehr vorbei.

Wann spielt bei Ihnen das Stück? Mit welcher Gesellschaft haben wir es zu tun?

Michael Talke: Man braucht schon die Folie der Zeit: Adel, Mündel, Notare, das ist nicht mehr unsere Gesellschaft. Aber es gibt so viel, was über diese Zeit hinausweist: wie diese Menschen sich abstrampeln, weil sie alle Werte verloren haben. Sie haben keine Ideale, sie sind hinter Geld und Liebe her, denken nur ans Überleben. Die Oper beschreibt eine Gesellschaft, die mehr dem Schein als dem Sein verpflichtet ist, der ihre Moral abhanden gekommen ist, in der jeder nur noch dem eigenen Vorteil hinterherrennt. Eine Gesellschaft, die sich eigentlich überlebt hat. Das erzählt sich bildlich in vergangenen Jahrhunderten einfach schöner. Verlauste Haare unter schlecht sitzenden, weißgepuderten Perücken. Der verrutschte Strumpf. Spinnweben unter den Achselhöhlen. Reifrock und Mieder, die in der Mode von Unfreiheit erzählen.

Prangert Rossini diese berechnende Geldgesellschaft an oder hat er auch Mitleid?

Talke: Kein Mitleid. Seine Mittel sind Ironie, Humor, Kühle gegenüber dem industriellen Vorzeitalter. Das Vorrevolutionäre ist alles weg, Rossini schreibt eine immense Gesellschaftskritik.

Sagt das auch die Musik?

Boman: Gerade die! Es gibt nur wenige Stellen, in denen Rossini eine schöne innerliche Musik schreibt, und die gehen ganz schnell vorbei.

Talke: Ich finde diese Stellen ganz bedeutend: Man fragt sich, ob der Graf ehrlich liebt oder ob er nur die Liebe liebt. Aber ganz schnell kommt wieder das Versteckspiel, mit dem alle sich permanent etwas vormachen und die Frage bleibt unbeantwortet.

Boman: Und ich denke, genau das ist wieder das Moment, mit dem wir uns identifizieren können: Wir sehnen uns nach Tiefe, aber wir müssen weiter funktionieren.

Im ersten Finale explodiert die Kompositionsweise, völlige Unüberschaubarkeit, kalte Motorik, der Rhythmus hört gar nicht mehr auf, kein Text mehr. „Mein Kopf geht wie eine Feuerschmiede“, singen dann alle.

Boman: Rossini ist ein echter Theaterkomponist. In diesem Finale hat er mit aller Freiheit etwas ausprobiert. Es kommen immer mehr Figuren, dann der Chor und dann die dramaturgisch so gut gesetzte Explosion: Das ist zu viel! Jetzt wird es Chaos! Das Finale ist ein unglaublich gelungenes Experiment. Rossini führt das Stück an einen Punkt, an dem jeder für sich sagen muss: Jetzt werde ich verrückt, ich kapiere nichts mehr. Meistens wird das gekürzt. Um diesen Wahnsinn, den die Protagonisten empfinden und dem sie ausgeliefert sind, deutlich zu machen, spielen wir es vollständig.

Wie sind die improvisierten Anteile der Musik zu verstehen? Hatte Rossini das nicht abgeschafft?

Boman: Es gibt eine schöne Anekdote aus dem Leben des Komponisten: Eine berühmte Sängerin sang dem alten Rossini die Arie der Rosina vor. Rossini soll daraufhin gesagt haben: „Sehr schön. Wer hat das geschrieben?“ Das zeigt, wie sehr es den Sängern erlaubt war, mit ihren speziellen Stimmen die Vorgaben von Rossini auszustatten, und das machen wir auch. Wenn etwas nicht gut in der Stimme liegt, dann passen wir es an.

Das würde heißen, dass Sie mit einer neuen Besetzung auch andere musikalische Verzierungen entwickeln?

Boman: Genau. Das machen wir auch.

Sie führen einen Moderator ein. Warum?

Talke: Weil die Rezitative viel zu lang und sehr umständlich sind. Und da Olof berichtete, dass sie ohnehin nicht von Rossini seien und mit den Rezitativen damals sehr frei umgegangen wurde, erscheint uns das legitim.

Herr Talke, etwas zu Rosina: Sie sei kein Opfer, sagen Sie. Was ist sie?

Talke: Na, das macht sie doch toll, von diesem Bartolo wegzukommen. Sie ist eine Kämpferin und sie hat richtig Power. Sie ist clever und intelligent. Als Lindoro ihr sagt, er sei gar kein Student, sondern der berüchtigte Graf Almaviva, ist es nur der Konvention des „lieto fine“ geschuldet, dass sie diesem Grafen nicht gehörig ihre Meinung sagen darf. Ich suche nach einer humorvollen Korrektur dieser Ungerechtigkeit.

Warum hat Rossini nach der erfolgreichen Komposition von über 20 Opern im Alter von 29 Jahren aufgehört zu komponieren?

Boman: Er war ein Meister und musste etwas Neues entwickeln. Angesichts des Zerfalls der Gesangskunst sah er keine Möglichkeit mehr.

Gehörte er eher ins 18. Jahrhundert?

Boman: Sicher. Er hatte trotz seiner Erfolge scharfe Gegner und hat sich wohl bei seiner Art von Kreativität selbst gesagt: Es reicht!


Premiere am Samstag, 22. Oktober 2016, 19.30 Uhr, weitere Aufführungen: 30. Oktober, 2., 4., 13., 15., 17. und 26. November, Theater am Goetheplatz.

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