Der Blick aufs wahre Gesicht Szenische Lesung über Bremens Rolle im Kolonialismus

Von Martin Kowalewski

Hauchen Briefen, Zeitungsartikeln und Amtsdokumenten Leben ein: Peter Lüchinger (v.l.), Petra-Janina Schultz, Markus Seuß und Erik Roßbander. J Foto: Menke
UnbekanntHauchen Briefen, Zeitungsartikeln und Amtsdokumenten Leben ein: Peter Lüchinger (v.l.), Petra-Janina Schultz, Markus Seuß und Erik Roßbander. J Foto: Menke Unbekannt

Bremen. Schauspieler bringen Sprache zum Leben. Die Bremer Shakespeare-Company beweist in ihrer szenischen Lesung „Bremen – Eine Stadt der Kolonien“ in der Reihe „Aus den Akten auf die Bühne“ erneut, das auch historische Quellen dafür taugen.

So verkörpert Peter Lüchinger mit Adolf Lüderitz einen Schreibtischtäter und Betrüger. Lüchinger verliest mit kühler und teilnahmsloser Miene einen authentischen Brief von Lüderitz an seinen Afrika-Vertreter Heinrich Vogelsang, in dem er erklärt, wie der Herero-Häuptling Joseph Frederiks und sein Volk übers Ohr gehauen werden sollen: „In unserem Kaufkontrakte steht 20 geographische Meilen Inland, so wollen wir diese auch beanspruchen. Lassen Sie Joseph Frederiks aber vorläufig im Glauben, dass es 20 englische Meilen sind.“ Eine englische Meile beträgt 1,6 Kilometer, die geographische Meile 7,2 Kilometer.

Ungleicher Kampf

Einen ungleichen Kampf dokumentiert der Briefwechsel zwischen Captain Wittbooi, Häuptling der Wittboois, und Major Theodor Leutwein. Wittbooi will sich nicht der kaiserlich-deutschen Kolonialmacht beugen, im Gegensatz zu anderen Völkern wie den nah verwandten Nama und auch Herero, mit denen er sich im Krieg befindet. Allerdings hält es der deutsche Major Theodor Leutwein nicht für nötig, nach einer kurzen Unterwerfungsforderung noch viele Briefe zu schreiben.

So bleibt es Schauspieler Markus Seuß, mit geschwächter und radebrechender Stimme den letzten Brief Wittboois an Leutwein zu verlesen. Darin heißt es: „Es ist wahr und ich stimme Euch zu, was ihr mir sagt von Eurer Macht und Überlegenheit in allem. Und ich stimme Euch zu, dass ich sehr schwach bin. Ihr sprecht, dass ihr mich wie Euer Schulkind über euren Frieden belehrt.“ Die letzten Worte lauten: „Was sehe ich in Euren Frieden anders als uns zu vernichten mit allen Leuten, denn Ihr habt mich kennengelernt und ich habe Euch kennengelernt in unserer Lebenslänge.“ Der Häuptling wurde bei einem Überfall auf eine deutsche Wagenkolonie erschossen.

Geschichten über Sultan Mkwawa

Gleich zweimal taucht in der Inszenierung der Sultan Mkwawa, erst Anführer der Hehe und danach erbitterter Guerillakrieger, auf. Er war für den Anführer einer kaiserlichen Strafexpedition Tom von Prince über sieben Jahre ein renitenter Gegner. Am 19. Juli 1889 nahm er sich und seinem letzten Begleiter das Leben. Ehefrau Magdalene von Prince lobt ihren Mann immer wieder in ihren Tagebuchaufzeichnungen. Und sie beschreibt den entstellten Kopf des Häuptlings: „Noch im Tode gönnt dieser mächtigste aller Negerfürsten seinen Todfeinden nicht den Blick auf sein wahres Gesicht. Er hat sich in den Kopf geschossen“, liest Schauspielerin Petra-Janina Schultz in faszinierter und doch triumphaler Stimmlage. „Starke Nase, wulstige Lippen und die vorgeschobenen Kinnladen geben dem Kopf einen ausgesprochenen Zug von Grausamkeit.“

Diesen Kopf verlangten die Briten nach Ende des Ersten Weltkrieges von den Deutschen, bekamen ihn aber nicht. 1954 wurde er in Bremen im Museum für Natur- und Völkerkunde gefunden und an 30.000 begeisterte Hehe übergeben. Später kamen Zweifel auf, ob es der richtige Schädel war.

Unglaubliche Geschichten aus der Wirklichkeit

Die meist älteren Zuschauer im prallgefüllten Theater am Leibnizplatz sind begeistert. „Da steckt sehr viel Hintergrund drin und das ist sehr gut aufgearbeitet“, sagt Zuschauer Claus Gehlhaar. Arndt Frommann ist von der Umsetzung durch die vier Schauspieler hellauf begeistert. „Das ist wie ein Stück. Das sind unglaubliche Geschichten, aber aus der Wirklichkeit“, sagt er.

Weitere Termine: 26. September, 25. Oktober (jeweils um 19.30 Uhr) sowie im November.