CDU-Kandidat Carsten Meyer-Heder Nach 74 Jahren SPD: Dieser Quereinsteiger will das Polit-Wunder in Bremen

CDU-Spitzenkandidat Carsten Meyer-Heder. Foto: Fanslau/CDU BremenCDU-Spitzenkandidat Carsten Meyer-Heder. Foto: Fanslau/CDU Bremen

Bremen. Drei Dinge gehören fest zu Bremen: die Weser, die Stadtmusikanten – und ein SPD-Bürgermeister. Doch diese politische Gewissheit bröckelt. Die CDU hat einen Quereinsteiger und Querkopf in den Wahlkampf geschickt. Eine Annäherung an den Kandidaten und seine Stadt.

In der ganzen Stadt hängen die schwarz-roten-Plakate. „Einfach machen kann alles einfach machen“, steht beispielsweise darauf. Kein Verweis auf den Kandidaten oder die Partei. Nur ein sogenannter Hashtag: „#carstenmeyerwer?“

Ja, wer eigentlich? Der Spitzenkandidat der CDU. Zwei Meter groß, Glatze. Betritt er den Raum, fällt er auf: Carsten Meyer-Heder. 

Ein Mann mit bewegter Biografie, zu der Kapitel über Scheitern und Neuanfänge genauso gehören, wie eine Krebserkrankung und wirtschaftlicher Erfolg als Softwareunternehmer bis hin zum Selfmade-Millionär. Er will, jetzt mit 57 und bald 58, ein neues Kapitel hinzufügen: Bürgermeister von Bremen.  

Es klingt fast fabelhaft wie der dreifache Vater zum Politikersein kam: „Wie kann ich helfen“, soll der Unternehmer die CDU Bremen gefragt haben – eine Partei, die seit Gründung der Republik immer nur Opposition war und wohl selbst nicht mehr so recht glaubte, dass sich daran etwas ändern könnte.

 Die Christdemokraten griffen zu und machten Meyer-Heder, bis dato nicht mal Parteimitglied, zum Spitzenkandidaten. Verkürzt gesagt. Klingt seltsam, war aber wohl so, beteuern einige Beteiligte.  

Verzweiflungstat oder Geniestreich der Christdemokraten? Das endgültige Urteil wird wohl erst am Wahltag im Mai zu fällen sein, wenn die Hochrechnungen eintrudeln. Tatsächlich tut sich aber etwas in Bremen. In einer repräsentativen Umfrage im Februar lag die CDU einen Prozentpunkt vor der ewigen SPD. 

Wegen Meyer-Heder? Trotz Meyer-Heder? Halleluja, werden sich die Christdemokraten denken - ein Polit-Wunder an der Weser scheint plötzlich möglich.

Meyer-Heder glaubt jedenfalls fest daran. Er setzt dabei weniger auf konkrete Themen, sondern mehr auf seine Person – inklusive aller Schwächen. Wenn es ins Detail geht, gibt er einfach unumwunden zu, keine Ahnung zu haben. „Ich bin halt erst seit einem Jahr im politischen Geschäft“, entschuldigt er sich dann. 

Anders als sein SPD-Kontrahent Carsten Sieling, der im Bundestag saß, als Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen nach der Bürgerschaftswahl 2015 hinwarf, und er einsprang. Auf nur noch 32,8 Prozent kam die SPD da – ein Ergebnis, mit dem Sieling heute wohl durchaus zufrieden wäre.

Das Problem der SPD

Schon damals hieß es, die Bremer seien „ihre“ SPD Leid. Nur jeder Zweite ging überhaupt wählen – vielleicht noch desaströser als das Ergebnis der Sozialdemokraten. Demokratieverdruss an der Weser. Hier setzt die Strategie von Meyer-Heder an. „Wenn Carsten Sieling jetzt verspricht, die Bildung besser zu machen, muss man sich doch fragen, warum die SPD das nicht schon längst gemacht hat.“ 

So lautet einer der Sätze, die er dieser Tage häufiger sagt. Auch beim ersten direkten Aufeinandertreffen der beiden bei einer Podiumsdiskussion Anfang März.

Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Meyer-Heders Stoßrichtung ist klar: Abzielen darauf, dass die SPD die politische Verantwortung dafür trägt, dass Bremen dort steht, wo es steht. „Man guckt von München mitleidig nach Bremen“, sagt Meyer-Heder. Er wolle das umdrehen, die Bayern sollen neidvoll auf das kleine Bundesland im Norden schauen. 

Dass Bremen die Schuldenbremse einhält, die Wirtschaft brummt und auch die Arbeitslosenzahlen langsam zurückgehen, lässt Meyer-Heder nicht gelten. Mit Fakten hat er es eben nicht so. Er zitiert lieber aus persönlichen Gesprächen, die er geführt hat. Mit Richtern. Mit Lehrern. Mit Unternehmern. Er scheint sich viel zu unterhalten und vor allem mit Menschen, die unzufrieden sind. Das greift er auf und trägt es in den Wahlkampf. Gefühle statt Fakten.  

Ein Bremer Original mit Schwächen

Dabei blendet Meyer-Heder aus, dass er selbst Kind dieser Stadt ist, die er nach eigener Aussage nie verlassen wollte. So schlimm kann es hier also doch nicht sein. Und auch seine Kandidatur scheint andernorts als im kleinsten der 16 Bundesländer kaum möglich.

 Wo sonst könnte jemand für die CDU antreten, der in jungen Jahren in einer Zehner-WG in einem links alternativen Viertel lebte? Der keiner Kirche angehört? Der sich selbst nicht als konservativ beschreibt? Und der ein echtes Problem damit hat, Reden zu halten. 

Nervös steht er dann da, hangelt sich durch sein Manuskript und weicht er davon ab, geht mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit etwas schief. Ein Beispiel? Meyer-Heder fragt auf dem Kreisparteitag der CDU Bremen: „Warum hat die BSAG keinen Elektrobus?“ Das Publikum weist ihn darauf hin, dass es sehr wohl einen E-Bus gebe. „Ah, falsch abgelesen, steht hier aber richtig“, sagt er und deutet auf sein Tablet. Lachen. 

Ja, es kommt gut an, wenn der Riese sich klein macht, und zu seinen Macken steht. Für Politiker eine eher seltene Qualität, wenn sie es denn ehrlich meinen. Und das scheint Meyer-Heder tatsächlich. Er sagt schulterzuckend:

„Ich rede halt so, wie ich es immer getan habe. Ein Rhetorik-Ass wird aus mir nicht mehr. Dann halte ich halt Meyer-Heder-Reden.“

 Ein bisschen Training hat er mittlerweile aber doch genommen, gibt er dann zu. „Sie hätten mich vor einem Jahr hören sollen!“ 

So weit muss man gar nicht zurückgehen. Es reicht der November. Damals machte der Tross der CDU-Regionalkonferenzen in Bremen halt, um einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für die scheidende Vorsitzende Angela Merkel zu finden. Großer Politzirkus - Meyer-Heder sollte die Begrüßung sprechen.

Foto: imago/Chris Emil Janßen

Nun stand er da, vor Hunderten Parteimitgliedern, und kam so sehr ins Stammeln, dass es beim Zuschauen und –hören unangenehm wurde. „Wer war das denn?“, fragten anschließend unbedarfte Hauptstadtjournalisten die Kollegen aus der Region – eine gewisse Analogie zur späteren Image-Kampagne des Spitzenkandidaten. 

Mittlerweile wird außerhalb Bremens und Bremerhavens viel über den Zwei-Meter-Mann und seinen großen Plan berichtet. Als hätte die Bundesrepublik plötzlich den Zwei-Stadt-Staat entdeckt, der auf der Landkarte schnell als doppelter Leberfleck von Niedersachsen durchgeht. Nein, Bremen ist mehr. 

Gewinnt Meyer-Heder hier und kassiert die SPD bei der gleichzeitig stattfinden Europa-Wahl auch noch eine Schlappe, dann stellt sich die Frage, ob es nicht doch schneller mit der Großen Koalition im fernen Berlin zu Ende geht, als gedacht.  

Das ist die Meta-Ebene dieser Wahl - Sphären, in denen Politiker und Journalisten denken. Meyer-Heder scheint das nicht so recht zu interessieren. Er tingelt von Termin zu Termin, setzt sich auch bei der linken Tageszeitung TAZ auf ein Podium in seinem alten Viertel. 

Foto: Dirk Fisser

Draußen vor der Tür riecht es nach Cannabis. Ob ihn hier jemand wählt? 

Die Bremer SPD beobachtet das alles. Borniert sei die Partei und machtvergessen, sagen politische Beobachter. Die Sozialdemokraten nähmen den Meyer-Heder nicht so recht ernst, setzten darauf, dass er schon irgendwann in einen Fettnapf tritt, aus dem er nicht mehr herauskomme. Aus dem linken Umfeld wird gerne der Vergleich zum US-Präsidenten Donald Trump gezogen: ein schriller Unternehmer, ein Polit-Clown, nicht ernstzunehmen jedenfalls.

Darauf angesprochen, schwindet das Freundliche aus den Gesichtszügen von Meyer-Heder. Der Vergleich trifft ihn. Politik ist manchmal ein schmutziges Geschäft, das schnell persönlich wird. Das scheint er in diesem Moment zu merken.

Aber ist der Vergleich eigentlich so falsch? In den USA herrschte eine gewisse Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien, größere Bevölkerungsteile erreichten sie gar nicht mehr. Dann kam Unternehmer Donald Trump und mischte den Wahlkampf auf. Viele und vor allem seine politischen Gegner nahmen ihn nicht ernst. Jetzt sitzt er im Weißen Haus.

Foto: imago/Eckhard Stengel



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