„Rambos brauchen wir nicht“ Auf Streife mit dem Ordnungsdienst in Bremen

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Ibrahim Sancar vom Ordnungsdienst, spricht im Waller Park zwei Hundehalterinnen an. Foto: Carmen Jaspersen/dpaIbrahim Sancar vom Ordnungsdienst, spricht im Waller Park zwei Hundehalterinnen an. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Bremen. Wildpinkler und Papierkorbmuffel müssen sich in Bremen warm anziehen. Denn der neue „Allgemeine Ordnungsdienst“ der Hansestadt schaut bei derlei Fehlverhalten ganz genau hin. Und es könnte teuer werden.

Durch Fußgängerzonen rasende Radler, aggressive Bettler oder achtlos weggeschmissene Kippen nerven und mindern in manchem Wohnquartier die Lebensqualität. Auch in Bremen. Seit Anfang Oktober nimmt sich dort der „Allgemeine Ordnungsdienst“ vielen Widrigkeiten an, die durchaus mit satten Geldbußen belegt werden können. Wer seinen Hund nicht anleint, könnte mit 55 Euro zur Kasse gebeten werden. Öffentliches Urinieren: 50 Euro. Und wer Kaugummis achtlos ausspuckt oder Glasflaschen einfach wegwirft, muss im Zweifel mit 35 Euro rechnen.

„Der Job ist toll“

„Der Bürger ist das nicht gewohnt, dass solche Sachen geahndet werden“, sagt Markus Schorsch, einer von zwölf Bremer Ordnungsdienstmitarbeitern, zu denen auch sein Kollege Ibrahim Sancar gehört. Auch er ein Quereinsteiger. Die Belegschaft wächst im Januar 2019 auf 22 Mitarbeiter an. Die Ausbildung dauerte drei Monate, plus vier Wochen Hospitanz bei Behörden und Polizei. „Menschenscheu darf man nicht sein“, sagt Sancar. „Der Job ist toll. Man hat viel mit Menschen zu tun, mit unterschiedlichen Kulturen.“

In Braunschweig gibt es schon seit Mai 2008 einen Ordnungsdienst. „Die Mitarbeiter verfügen über die normale Verwaltungsausbildung“, so Stadtsprecher Rainer Keunecke. Es seien sowohl Beamte als auch Angestellte auf den Dienstposten eingesetzt und manche absolvierten zusätzlich einen Vollzugsbeamtenlehrgang.

Schlagstock und Handschellen, aber keine Schusswaffe

Die Bremer dürfen „unmittelbaren Zwang“ anwenden, also Leute festhalten. Am Gürtel tragen sie Schlagstock und Handschellen, aber keine Schusswaffe. Die Tarifbeschäftigten sind mindestens paarweise unterwegs. Oft zu Fuß. „Wir laufen zwischen 15 und 25 Kilometer am Tag“, sagt Schorsch. „Da muss man sich dran gewöhnen. Man wird nass, man friert, man wird auch mal angemeckert.“ Zur Ausstattung gehören aber auch sechs Fahrräder und drei Dienstwagen.

An diesem Nachmittag sind Schorsch und Sancar in einem Park im Bremer Stadtteil Walle unterwegs. Bald kommt ihnen der erste Radfahrer entgegen. Höflich wird er gestoppt - Radeln im Park ist untersagt. Es bleibt nicht der einzige Radler. Zur Genugtuung zweier Damen, die mit Hund unterwegs sind, und den beiden Männern von unangenehmen Begegnungen mit Radfahrern auf schmalen Parkwegen berichten. Dass sie ihre Hunde anleinen müssen, passt ihnen jedoch gar nicht. „Wenn keiner da ist vom Dienst, laufen sie frei“, gestehen sie.

Ibrahim Sancar vom Ordnungsdienst spricht im Waller Park eine Radfahrerin an. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Für Lüder Fasche von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Bremen kann der uniformierte Ordnungsdienst eine sinnvolle Ergänzung sein. Ordnungswidrigkeiten seien von seinen Polizei-Kollegen wegen des großen Personalmangels schon gar nicht mehr beachtet worden. „Da ist faktisch schon seit Jahren kein Polizeivollzugsbeamter mehr eingeschritten.“ Der Ordnungsdienst übernehme Aufgaben, die früher der Schutzmann um die Ecke erledigt habe. Allerdings müsse die Ausbildung intensiviert werden: „Hospitieren und über die Schulter schauen ersetzt keine praktische Erfahrung.“

„Titel und Uniformen machen viel mit Menschen“

Der Organisationspsychologe Niels Van Quaquebeke warnt zudem vor einer Überschätzung der eigenen Legitimation. „Titel und Uniformen machen relativ viel mit den Menschen“, sagt der in Hamburg lehrende Professor. „Ein Mensch, der im Ordnungsdienst arbeitet, läuft Gefahr, sich selbst als Ersatzpolizist wahrzunehmen.“

Die Bremer setzen im Zweifelsfall auf Rückzug. „Rambos brauchen wir nicht“, sagt Sancar. „Wegen 15 Euro werden wir uns nicht rumprügeln.“ Fasche würde den Ordnungsdienst gerne in den Funkkreislauf der Polizei aufnehmen. „Das ist eine Forderung der GdP.“ So könnten sie im Eskalationsfall schnell Hilfe holen. „Aber es gibt Bestimmungen, die das verhindern.“

Der Ordnungsdienst ist vielsprachig unterwegs. Die Palette reicht von Arabisch und Türkisch über Russisch bis hin zu Französisch und Englisch. „Das hilft, Barrieren zu überwinden“, sagt Schorsch. Der Dienst ist keine reine Männerdomäne. Derzeit zählt das Team vier Frauen, ab Januar werden es acht sein. „Frauen sind meistens besser in der Deeskalation“, sagt Van Quaquebeke.


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