WDR widmet Ex-Korrespondent Filmnacht Russlandkenner und präziser Erzähler: Gerd Ruge wird 90

Auch bei Kälte im Außeneinsatz: Gerd Ruge während seiner Zeit als ARD-Korrespondent in Moskau. WDR/dpaAuch bei Kälte im Außeneinsatz: Gerd Ruge während seiner Zeit als ARD-Korrespondent in Moskau. WDR/dpa

Osnabrück. Zum 90. Geburtstag des langjährigen Korrespondenten Gerd Ruge zeigt der WDR von Donnerstag auf Freitag einige seiner exzellenten Auslandsreportagen. Aber Ruge war auch im Inland tätig. Unter anderem für das WDR-Jugendfernsehen.

Als der Journalist Gerd Ruge 2003 seinen 75. Geburtstag feierte, widmete ihm der WDR ein Porträt mit dem Titel „Auf den Spuren von Gerd Ruge“. Für den Autor Ulrich Adrian hieß es Koffer packen – blickt man auf Gerd Ruges Leben zurück, scheint er immer unterwegs gewesen zu sein.

Anlässlich Ruges 90. Geburtstags am Donnerstag wiederholt der WDR diese Produktion. Das Anschauen lohnt noch immer. Der Film setzt ein mit Ruges telefonisch durchgegebener Reportage über die Ankunft Konrad Adenauers in Moskau im Jahr 1955. Auffällig: die Präzision des damals 27-jährigen Korrespondenten. So spricht er nicht, wie heute üblich, salopp von einem Flieger, er nennt den Typus: der deutsche Bundeskanzler kam mit einer Super Constellation der Lufthansa.

In Ruges Korrespondentenzeit in den USA fiel der Mord an Martin Luther King. Sein damals entstandener Bericht zeigt ihn auf dem Balkon, auf dem King den Tod fand. Wieder fällt Ruges Genauigkeit auf. Er kennt den Tathergang, die Nutzung des Gebäudes, sogar die des Raumes, aus dem die Schüsse abgegeben wurden.

Bekannt wurde Ruge vor allem als Russlandkenner. Er interviewte die Staatschefs der kommunistischen Ära und ihre Nachfolger, erfuhr die staatliche Willkür der Fünfziger am eigenen Leib, bereiste immer wieder das gesamte Land, suchte den Kontakt zu allen Schichten der Bevölkerung. Auch in China bezog er zeitweise Quartier. Ulrich Adrian traf dort Menschen, die sich an den deutschen Journalisten erinnerten. Sein Film enthält eine bizarre Szene: In der von Wohlstand geprägten Stadt Hua Xi organisiert die Parteiführung eine Theateraufführung zu Ehren des abwesenden Jubilars. In dem riesigen Saal sind nur das deutsche Filmteam, Dolmetscher und der örtliche Parteisekretär Wu Xidong zugegen.

Bis zum frühen Morgen zeigt der WDR Ruge-Reportagen über Sibirien, Georgien, Alaska, Afghanistan. Allesamt sehenswert. Ein weniger bekanntes Kapitel aus Ruges Laufbahn bleibt indes ausgespart. 1970 kehrte Ruge nach Deutschland zurück und leitete das ARD-Studio in der früheren Bundeshauptstadt Bonn. In seine Zuständigkeit fiel auch die redaktionelle Betreuung und Moderation der Jugendsendung „Jugend fragt Politiker“, die 1968 von den WDR-Redakteuren Hans Gerd Wiegand und Siegfried Mohrhof als jugendorientierte Mischung aus Talkshow und Pressekonferenz ins Leben gerufen worden war. Hochkarätige Gäste wie Willy Brandt, Kurt Georg Kiesinger, Hans Dietrich Genscher stellten sich im Bonner Studio den Fragen der jugendlichen Teilnehmer. Unter den Bewerbern: die als Bürgerschrecke bekannt gewordenen Kommunarden Rainer Langhans und Uschi Obermeier. Sie baten darum, mit CSU-Chef Franz Josef Strauß diskutieren zu dürfen.

Anfangs wurde im Bonner Studio aufgezeichnet, 1970 wagte man erstmals eine Direktübertragung. „Lebhaft und hitzig“ seien die ersten zwei Live-Sendungen gewesen, befand ein zeitgenössischer Kritiker. Viele Jugendliche fühlten sich den rhetorisch geübten Berufspolitikern unterlegen und suchten ihr Heil in der Polemik. Nach zwei besonders stürmischen Sendungen mit Gerhard Stoltenberg (CDU) und Walter Arendt (SPD) stellte die Redaktion Überlegungen an, wie ein sachlicheres Klima geschaffen werden könne. Von Gerd Ruge kam der Vorschlag, die Mitwirkenden früher anreisen zu lassen, sie mit themenbezogenen Informationen zu versorgen und eine Generalprobe durchzuführen. Redakteur Hans Gerd Wiegand widersprach. Er beklagte, dass deutsche Schüler und Studierende, anders als in angelsächsischen Ländern, auf dem Gebiet der politischen Debatte nicht ausreichend geschult seien. Die Experimente mit Talkshows für Jugendliche gingen weiter, auch in anderen Sendern. Gerd Ruge aber zog es schon 1973 wieder hinaus in die Welt. Sein neues Ziel hieß China.


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