Blick in die Bremer Bierszene Union Brauerei in Walle setzt auf regionales Craftbier und Historie

Das Gebäude der Freien Brau Union Bremen stammt aus dem Jahr 1907, es wurde für die Neueröffnung umfassend saniert und steht unter Denkmalschutz. Foto: Carsten Heidmann/Freie Brau Union BremenDas Gebäude der Freien Brau Union Bremen stammt aus dem Jahr 1907, es wurde für die Neueröffnung umfassend saniert und steht unter Denkmalschutz. Foto: Carsten Heidmann/Freie Brau Union Bremen

Bremen. Mitten im Wohngebiet in Walle wird wieder gebraut: Die Freie Brau Union Bremen produziert seit Dezember 2015 Craft Beer im denkmalgeschützten Gebäude aus der Jahrhundertwende. Wir haben uns für den letzten Teil unserer kleinen Bremer Bierserie dort umgesehen.

Viele alte Wohnhäuser, eine kleine Eckkneipe und eine große Schule gegenüber: Die Union Brauerei hat einen besonderen Produktionsstandort im Bremer Stadtteil Walle und eine bewegte Geschichte. 1907 wurde dort unter dem Namen Bremer Wirteunion erstmals gebraut, später wurde die Brauerei vom Konkurrenten Haake Beck gekauft und 1968 stillgelegt. Vor vier Jahren kaufte Unternehmer und Architekt Lüder Kastens das denkmalgeschützte Gebäude, das vorher unter anderem von einer Spedition genutzt wurde. (Lesen Sie dazu auch unseren ersten Teil über die Bremer Bierszene: Mikrobrauer Tobias Grebhan über Bremer Biervorlieben und Craftbeer) 


Lüder Kastens, Geschäftsführer der Freien Brau Union Bremen. Foto: Carsten Heidmann/Freie Brau Union Bremen


Es war eine Entscheidung von wenigen Sekunden, berichtet Kastens im Gespräch mit unserer Redaktion: „Als ich gesehen habe, dass eine ehemalige Brauerei zum Verkauf steht, habe ich nicht lange überlegt.“ Kastens hat schon mehrfach sein Händchen für besondere Immobilien bewiesen, er betrieb unter anderem das Designhotel Überfluss in Bremen.


Die Führungen in der Union Brauerei sind bei den Besuchern beliebt und oft ausgebucht. Foto: Carsten Heidmann/Freie Brau Union Bremen


Erlebbare Brauerei und Gastronomie

Nach einer umfangreichen Sanierung, bei der das Sudhaus an der gleichen Stelle wie früher angesiedelt wurde, öffnete die Union Brauerei ihre Tore für Besucher. Nicht zuletzt durch Führungen und Verkostungen zieht das Braugasthaus Gäste nach Walle. Das Konzept Gastronomie plus Erlebnisbrauerei scheint aufzugehen, Tische im Restaurant sind oftmals Wochen im Voraus reserviert und auch die Führungen sind schnell ausgebucht, berichtet Kastens. Und das, obwohl es keine Laufkundschaft in dem Stadtteil gibt. „Es war reizvoll, eine alte Geschichte wieder aufleben zu lassen“, sagt Kastens. (Lesen Sie dazu auch unseren zweiten Teil über die Bremer Bierszene: Zwischen Tradition und Craftbiertrend: die Gasthausbrauerei Schüttinger) 

Um nicht ganz neu in der Bierbranche anfangen zu müssen, hat sich Kastens mit Markus Zeller einen Insider ins Boot geholt. Zeller ist in Heilbronn Hochschullehrer für Systemgastronomie und war früher in der Geschäftsführung von Beck’s tätig. Zusammen betreiben sie die Union Brauerei und sorgten bereits in den vergangenen Jahren für Expansion. „Wir waren überrascht, wie gut die Führungen, die wir zweimal die Woche angeboten haben, angenommen wurden. Da mussten wir schnell aufstocken, jetzt gibt es jeden Tag Führungen“, berichtet Kastens.


Das Brauerteam der Union Brauerei. Foto: Freie Brau Union Bremen


Gute Nachbarschaft in Walle

Und auch bei den Nachbarn kommt das Konzept gut an. „Durch die Sanierung hat der Stadtteil deutlich an Wert gewonnen. Vorher war es kein schöner baulicher Zustand, knapp 8.000 Quadratmeter lagen brach. Dass wir das denkmalgeschützte Gebäude wieder hergestellt haben, ist erfreulich für den ganzen Stadtteil“, erzählt der Architekt. Es habe auch wenig Probleme mit den Anwohnern gegeben, als die Details des Projekts kommuniziert wurden. Dass die Anwohner die Brauerei gut annehmen, zeigt sich auch an der Bilderwand im Braugasthaus: Dort hängen zahlreiche alte Fotografien aus dem Viertel und von der Brauerei, die unter anderem von Nachbarn vorbeigebracht wurden.

„Es gab keinen großen Aufschrei“, so Kastens über die Sanierung und Inbetriebnahme der Brauerei. Auch jetzt nicht, obwohl es regelmäßig Feiern gibt und die Parkplätze am Wochenende knapp werden. Laut Kastens könnte das daran liegen, dass die Menschen in Walle geduldiger seien als in anderen Stadtteilen Bremens. Und vielleicht auch daran, dass sie regelmäßig eingeladen werden in die Brauerei und Gutscheine bekommen. Man pflegt ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis.

Vertrieb über Rewe und Hol ab

Wer nach einer Führung Bier kaufen möchte, wird im gerade neu eröffneten Shop im Hof der Brauerei fündig. Im umgebauten Pferdestall gibt es zusätzlich den Kaffee der Union Rösterei und die Obstbrände der Bremer Brennerei Piekfeine Brände. Aber man muss nicht extra nach Walle fahren, um die Biere der Brauerei zu kaufen: Durch die Kooperation mit Rewe und den Getränkemärkten von Hol ab gibt es zahlreiche Anlaufstellen für Bierliebhaber in Bremen und im Umland.

Auch in Restaurants sind die Biere der Union Brauerei immer öfter vertreten. „Das geht langsamer, als in den Handel reinzukommen. Die meisten Restaurants sind an lange Verträge mit großen Brauereien gebunden, da muss man die Lücken finden und reinkommen“, erzählt der Architekt. (Lesen Sie dazu auch unseren dritten Teil über die Bremer Bierszene: Markus Freybler über Bremer Traditionsbier und Hopfenanbau in der Hansestadt) 

Klassisches Pils und exotisches Pale Ale mit Kokosflocken

Zehn verschiedene Sorten pro Jahr werden in Walle gebraut, davon sind sieben bis acht Sorten durchgängig, zwei bis drei Sorten saisonabhängig. Relativ neu ist das Deichbier, ein naturtrübes Lager, das in Kooperation mit der Online-Plattform deichstube.de entstanden ist. Beliebte Klassiker der Union Brauerei sind das Kellerpils, Rotbier und Hanseat 2.0. Ebenfalls das ganze Jahr erhältlich sind das Porter und das Pale Ale. „Die Rezepte wurden alle von uns entwickelt“, sagt Kastens stolz über die Arbeit seiner Braumeister.

Bislang werden rund 4.000 Hektoliter pro Jahr gebraut. Doch das lässt sich noch steigern: Drei neue Gär- und Lagertanks wurden im vergangenen Jahr eingebaut, es ist möglich, so aufzustocken, dass die Brauerei bis zu 8.000 Hektoliter pro Jahr brauen kann. Wenn dieses Potenzial ausgeschöpft ist, bleibt es aber dabei, so Kastens.


Das Brauerteam der Union Brauerei. Foto: Freie Brau Union Bremen


Aber die Bremer sind auch Experimenten in Sachen Bier nicht abgeneigt: „Das hier ist eine Pils-Gegend, aber man merkt, dass das Interesse da ist. Die Bremer sind schon offen“, sagt Kastens über die Vorlieben der Hanseaten. Das Pale Ale mit richtigen Kokosflocken, das als Saisonbier entstanden ist, kam nach anfänglicher Skepsis gut an.

Craftbier-Tage in der Union Brauerei

Das zeigt sich auch auf den Craftbier-Tagen, die bislang zweimal im Jahr in der Union Brauerei stattfanden. Dieses Jahr wird es sie nur einmal geben, am letzten Wochenende im Mai. Denn laut Kastens ist die Anzahl an ähnlichen Veranstaltungen mittlerweile ein bisschen inflationär. Ob auch zur fünften Auflage der Craftbier-Tage am 25. und 26. Mai wieder tausende Besucher kommen, wartet Kastens ab, aber er ist zuversichtlich. Bei kaum einem anderen Event gebe es 120 bis 130 Biere zu verköstigen. Dazu gibt es Streetfood und Live-Musik.

Von Events und Führungen abgesehen, kann man die Räume der Union Brauerei auch für Feiern und Brauseminare mieten. Ein vielfältiges Angebot, das vor allem davon lebt, dass die Brauerei auf Regionalität setzt. Das macht für Lüder Kastens die Besonderheit seines Unternehmens aus: „Unsere Biere kommen aus Bremen, sie werden hier gebraut und vertrieben. Das ist uns das Wichtigste.“


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