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Ex-Chef der Bremer Beluga-Reederei Beluga-Prozess: Ex-Reeder Stolberg muss ins Gefängnis

Von dpa

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Der Angeklagte Niels Stolberg (M) sitzt zwischen seinen Anwälten Oliver Sahan (l) und Bernd Groß im Landgericht. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpaDer Angeklagte Niels Stolberg (M) sitzt zwischen seinen Anwälten Oliver Sahan (l) und Bernd Groß im Landgericht. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Bremen. Es war eines der längsten Wirtschaftsstrafverfahren am Bremer Landgericht: der Beluga-Prozess. Nach 68. Sitzungstagen ging er mit den Urteilen zu Ende. Kein guter Tag für den Hauptangeklagten.

Drei Jahre und sechs Monate Gefängnis - so lautet das Urteil gegen den früheren Vorzeigeunternehmer und Bremer Reeder Niels Stolberg. Das Bremer Landgericht befand ihn am Donnerstag in 18 Fällen des gemeinschaftlichen Kreditbetruges sowie auch der Untreue in besonders schwerem Falle schuldig. Mit dem Urteil zerschlugen sich die Hoffnungen des 57-jährigen an Krebs erkrankten Stolbergs auf eine Bewährungsstrafe. Stolbergs Anwalt Bernd Groß bezeichnet die Strafe als viel zu hart. Die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig. Revision ist möglich.

Richterin Monika Schaefer begründete das Urteil unter anderem mit einem „erheblichen Maß an krimineller Energie“, das Stolberg bei der Täuschung von Banken und Investoren gezeigt habe. Drei mitangeklagte Ex-Manager der 2011 in Insolvenz gegangenen Schwergutreederei wurden zu Bewährungsstrafen zwischen acht Monaten sowie einem Jahr und sieben Monaten verurteilt. Bei Stolberg sei eine Bewährungsstrafe bis zu zwei Jahren nicht in Frage gekommen, so die Richterin: „Dafür war es einfach zu viel.“

In dem seit Januar 2016 laufenden Verfahren wurden die Vorwürfe Kreditbetrug, Betrug, Bilanzfälschung und Untreue geprüft. Staatsanwältin Silke Noltensmeier hatte für Stolberg viereinhalb Jahre Haft gefordert. Ein zentraler Punkt des Verfahrens war das Finanzierungsmodell, das der Reeder für den raschen Ausbau seiner Schiffsflotte nutzte. Mit fingierten Rechnungen und Scheinverträgen für über ein Dutzend Schiffsneubauten hatte er Banken getäuscht und diese zu einer höheren Kreditvergabe in insgesamt dreistelliger Millionenhöhe bewegt. Stolberg hatte dies als branchenübliche Praxis bezeichnet und betont, dass die Banken über das Modell Bescheid wussten. Dafür sah die Kammer keine Anhaltspunkte.

Die Urteilsverkündung fand am Donnerstag unter großem Interesse der Öffentlichkeit statt - die rund 60 Plätze umfassende Besuchertribüne im Saal 218 war bis auf den letzten Platz besetzt. Aus Sicht der 2. Großen Wirtschaftsstrafkammer hatte Stolberg mit dem Wachstumskurs und dem ehrgeizigen Schiffsneubauprogramm das „ersehnte Ziel“ verfolgt, Weltmarktführer im Bereich Schwergutfracht zu werden. Dabei habe er aber auch Mitarbeiter zu Straftaten verleitet. Die Richterin hielt Stolberg seine Kooperation zu Gute. „Sie haben sich trotz Ihrer Erkrankung dem Verfahren bis heute gestellt.“

Stolberg hatte von Beginn des Prozesses an klar gemacht, dass er für seine Fehler einstehen wolle. „Ich war der Kapitän auf der Brücke“ - hatte er im Januar 2016 gesagt. Vorige Woche räumte er in seinem letzten Wort ein, dass er schwere Fehler gemacht habe, die ihm aus heutiger Sicht völlig unverständlich seien und die er zutiefst bereue. „Ich habe alles verloren - mein Lebenswerk, meine Reputation, meine Gesundheit. Ich hoffe, dass das Gericht eine Bewährungsstrafe für angemessen hält.“ Diese Erwartung erfüllte sich am Donnerstag nicht. Gegen das Urteil ist Revision möglich, über die der Bundesgerichtshof in Leipzig zu entscheiden hätte. Am Donnerstag wollte sich Stolbergs Verteidiger noch nicht festlegen, ob sein Mandant von diesem Rechtsmittel Gebrauch macht.


Die Beluga-Geschichte endet vor Gericht

Beluga gehörte zu den Weltmarktführern im Schwerguttransport mit mehr als 2000 Mitarbeitern, über 70 Schiffen und vollen Auftragsbüchern. Doch mit der Finanz- und Wirtschaftskrise begann der Absturz der Reederei, der 2011 in der Insolvenz endete.

Dezember 1995: Niels Stolberg und ein Partner gründen die Reederei Beluga Shipping GmbH.

1998: Erstes eigenes Schiff „Beluga Performa“ wird in Dienst gestellt.

2002: Beluga eröffnet Niederlassungen u.a. in Brasilien und Singapur, später folgen Peking, Houston und Shanghai.

Sommer 2010: Der US-Hedgefonds Oaktree Capital Management übernimmt ein Drittel der Anteile, später 49,5 Prozent, und stellt laut Stolberg ein Darlehen von 130 Millionen Euro zur Verfügung.

2010/2011: Die Beluga-Flotte hat 72 Schiffe und über 2000 Mitarbeiter auf See und an Land, der Umsatz beträgt 500 Millionen Euro.

1. März 2011: Oaktree erhebt schwere Betrugsvorwürfe gegen Stolberg, dieser muss als Geschäftsführer zurücktreten und die Firma verlassen.

16. März 2011: Als erste Beluga-Sparte meldet die Tochter „Chartering“ Insolvenz an, es folgen weitere Insolvenzen von Unternehmen der weit verzweigten Gruppe.

4. April 2011: Stolberg meldet Privatinsolvenz an.

23. Mai 2011: Insolvenzverwalter Edgar Grönda verkündet das endgültige Aus für Beluga.

27. Dezember 2012: Erste Anklageschrift mit Vorwurf des gemeinschaftlichen Kreditbetruges in 16 Fällen.

26. März 2013: Zweite Anklageschrift mit Vorwurf des Kreditbetruges und der Untreue.

13. Januar 2014: Dritte Anklageschrift mit Vorwurf des Betruges.

20. Januar 2016: Prozessauftakt vor dem Landgericht Bremen, angesetzt sind zunächst 56 Hauptverhandlungstage.

2017: Stolberg erkrankt schwer an Krebs - Die Verhandlungstage müssen auf eine Stunde pro Termin begrenzt werden.

8. März 2018: Stolberg hat das letzte Wort: „Ich habe alles verloren - mein Lebenswerk, meine Reputation, meine Gesundheit. Ich hoffe, dass das Gericht eine Bewährungsstrafe für angemessen hält.“

15. März 2018: Am 68. Verhandlungstag endet der Prozess mit Urteilsverkündung. Stolberg muss für drei Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Die drei mitangeklagten Ex-Beluga-Manager werden zu Bewährungsstrafen zwischen acht Monaten und einem Jahr und sieben Monaten verurteilt. (dpa)

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