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Lebensgeschichte einer alten Dame Erzählerische Wucht: Laura Freudenthalers „Die Königin schweigt“

Von Mareike Bannasch

Laura Freudenthaler Foto: dpaLaura Freudenthaler Foto: dpa

Bremen. „Die Königin schweigt“ lautet der Titel des Debütromans von Laura Freudenthaler. Ein tief emotionales, sehr komplexes Buch, das die Lebensgeschichte einer alten Dame erzählt – und die Jury des Bremer Literaturpreises nachhaltig beeindruckte.

Einige Jahre lang ist sie die Königin. Eine inoffizielle Regentin, die als Frau des Schulmeisters allen im Dorf zur Seite steht. Kindern, denen eine warme Mahlzeit fehlt. Oder der Bäuerin, deren Mann seine Spielschulden nicht mehr bezahlen kann und sich vor lauter Scham am Scheunenbalken aufhängt. Gesten der Nächstenliebe für die Fanny keinen Dank erwartet. Natürlich nicht. Das wäre dann doch zu eitel. Und eitel ist man nicht, hier im Dorf.

„Die Königin schweigt“ lautet der Titel des Debütromans von Laura Freudenthaler. Ein tief emotionales, sehr komplexes Buch, das die Lebensgeschichte einer alten Dame erzählt – und die Jury des Bremer Literaturpreises nachhaltig beeindruckte. So sehr, dass Freudenthaler imJanuar mit dem Literaturförderpreis ausgezeichnet wurde.

Im Zentrum des Romans steht eine mit den Schlägen der Jahre hartgewordene Frau. Obwohl, Fanny war schon immer hart zu sich und anderen, selbst als kleines Kind. Damals, als sie sich auf dem elterlichen Hof unter der Eckbank verkroch, während um sie herum das Leben weiterging. Denn die Handelnden im Leben von Fanny sind stets die anderen. Und auf diese anderen wartet sie zeit ihres Lebens vergeblich: Auf den Bruder, der nicht mehr aus dem Krieg zurückkommt. Auf den gefühlskalten Vater, der eines Tages Selbstmord begeht. Auf den Ehemann, der mit den Jahren immer mehr Zeit in der Dorfkneipe verbringt und schließlich am Straßenrand endet. Und auf den Sohn, der ihr mehr und mehr entgleitet – bis er seinem Leben selbst ein Ende setzt.

Schicksalsschläge, die auch noch Jahre später schmerzen. So sehr, dass sich Fanny vehement einer Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit verweigert – auch das Tagebuch, das ihr die Enkeltochter einst geschenkt hat, bleibt unberührt auf dem Nachttisch liegen, während die alte Dame zunehmend dement auf den Tod wartet, der schon länger um ihr Haus schleicht. Und während ihr Geist immer mehr verblasst, bleiben nur die Erinnerungen an vergangene Tage.

All dies erfährt der Leser in nie mehr als zwei Seiten langen Episoden. Kurze Abschnitte, die mit wenigen Worten enorme erzählerische Wucht entwickeln, die mitunter schwer auszuhalten ist. Oft genügen Freudenthaler wenige Motive, um Fannys Dasein und all die Tragik darin zu beschreiben.

Ein Leben, in dem Gefühle keine Rolle spielen oder zumindest nicht in Worte gefasst werden. In Fannys Welt verbindet die Protagonisten nur eins: Schweigen. Eine ungeschriebene Regel, die sie selbst nie hinterfragt hat. Stattdessen hat Fanny munter mitgeschwiegen. So auch damals, als der Sohn weinend im Bett saß und seine Trauer nicht in Worte kleiden konnte. Das Schweigen seiner Mutter hatte sicher auch etwas mit Anstand zu tun – Jungs weinen schließlich nicht. Aber vor allem scheint es emotionale Unfähigkeit gewesen zu sein, die Fanny dazu brachte, ihren Sohn alleinzulassen und das Scheitern der Beziehung in Kauf zu nehmen.

Die Unfähigkeit, Emotionen zuzulassen und dann auch noch in Worte zu fassen: Das tun wir gern als Problem der Großelterngeneration ab. Ein Gedanke, den man auch Laura Freudenthaler unterstellen könnte – wäre emotionale Kälte nicht längst eine Geißel dieser Tage. Seine Gefühle offen zu zeigen, ist ein Zeichen der Schwäche, das keinen Platz in unserer Gesellschaft hat. Genauso wenig wie die vielen alten Menschen, die nur mit ihren Erinnerungen als Gesellschaft in ihren Wohnungen sitzen und darauf warten, dass der Tod endlich den Weg von der Straße ins Haus finden möge.