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Details zu Ablauf, Täter und Opfern Mutmaßlicher Terrorangriff in Neuseeland: Was wir wissen – und was nicht

Nachdem bei dem mutmaßlichen Terroranschlag 49 Menschen getötet wurden, steht Neuseeland unter Schock. Foto: dpa/KyodoNachdem bei dem mutmaßlichen Terroranschlag 49 Menschen getötet wurden, steht Neuseeland unter Schock. Foto: dpa/Kyodo

Christchurch. Am Freitag wurden mehr als 40 Menschen in zwei Moscheen in Christchurch in Neuseeland erschossen. Mehrere Verdächtige befinden sich in Haft.

Was ist passiert?

Am Freitagmittag gegen 13.40 Uhr (Ortszeit) wurde in zwei Moscheen in der Stadt Christchurch in Neuseeland auf betende Gläubige geschossen. Die muslimischen Gemeinden hatten sich um diese Uhrzeit zum traditionellen Freitagsgebet versammelt, beide Gotteshäuser sollen voll besetzt gewesen sein. Zeugen beschreiben, wie ein weißer Mann mit Helm und kugelsichere Weste das Feuer auf die Menschen eröffnete. Die Schüsse kamen demnach aus einer Schnellfeuerwaffe.

Wie genau der Anschlag ablief, ist allerdings noch unklar. So fehlt bisher eine offizielle Darstellung darüber, ob die beiden Moscheen zeitgleich von mehreren Tätern angegriffen wurden, oder ob nur ein Täter zuerst in einer Moschee schoss, und dann zur anderen weiterfuhr.

Wie viele Opfer gibt es?

Die Zahl der Todesopfer stieg inzwischen auf 50 – die Mehrheit (41) in einer Moschee an der Deans Avenue. In einer der beiden Moscheen wurde eine Leiche gefunden, die man bislang nicht mitgezählt hatte. Bei dem Angriff sind auch mehrere Kinder getötet worden. Sieben Menschen kamen in einer Moschee an der Lonwood Avenue ums Leben, eine Person verstarb im Krankenhaus. 


Insgesamt 39 Menschen liegen noch mit Schusswunden in verschiedenen Krankenhäusern der neuseeländischen Großstadt. Elf davon befinden sich in Intensivbehandlung. Zudem hat die neuseeländische Polizei nach eigenen Angaben mehrere Autos gestoppt, an denen Sprengsätze angebracht worden waren. Das Militär habe diese Bomben unschädlich gemacht, sagte Polizeisprecher Mike Bush in einer Pressekonferenz am Nachmittag.

Waren es ein oder mehrere Täter?

Zunächst hatte die Polizei in Neuseeland vier Verdächtige festgenommen: drei Männer und eine Frau. Ein 28-jähriger Australier ist offiziell des vielfachen Mordes beschuldigt worden. Weitere Anschuldigungen würden folgen, teilte die neuseeländische Polizei am Samstag (Ortszeit) mit. Das Bezirksgericht von Christchurch habe die Entscheidung bei einer Anhörung am Samstag unter großen Sicherheitsvorkehrungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefällt. 


Ein weitere Verdächtiger, der bewaffnet an einem der Tatorte aufgegriffen worden war, könnte nach Angaben von Polizeisprecher Mike Bush unschuldig sein. Die Polizei bestätigte das später über Twitter. Die anderen beiden Verdächtigen bleiben weiter in Haft. Über die Motivation der mutmaßlichen Täter konnte Bush noch keine Angaben machen. "Wir arbeiten daran", sagte er. Auch auf die Frage, ob es sich um einen Terroranschlag gehandelt hat, wollte er zunächst nichts sagen. 

Streamte der Täter das Massaker im Internet?

Der Haupttäter zeigte den Angriff live auf Facebook aus der Ich-Perspektive in einem Video. Der Attentäter trägt einen Tarnanzug. Im Video ist auch zu sehen, dass mehrere Waffen und Magazine mit Namen und Schriftzügen versehen sind. Nach der Tat sagt der Angreifer, dass er bedauere, die Moschee nicht noch abgebrannt zu haben. Facebook teilte mit, das Video nach einem Hinweis der Polizei entfernt und die Profile des Attentäters sowohl auf Facebook als auch auf Instagram gesperrt zu haben. Die Ermittler forderten die Öffentlichkeit dazu auf, die Aufnahmen nicht im Internet zu verbreiten.

Im Video ist vor der Tat im Auto des Angreifers ein serbisch-nationalistisches Kampflied zu hören. Das bestätigte der bosnische Botschafter in Neuseeland, Mirza Hajrić. Das Lied "Karadzic, führe deine Serben" kursiert im Internet seit einigen Jahren im Zusammenhang mit einem anti-muslimischen Meme.

War der mutmaßliche Täter in Bulgarien?

Bulgarien ermittelt, ob der Attentäter Kontakte in dem Balkanland gehabt hat, da auf seinen Waffen Namen von Kämpfern gegen die Osmanen eingraviert seien. Der Attentäter von Christchurch habe im November 2018 Bulgarien als Tourist besucht und sich an historischen Orten aufgehalten, sagte Generalstaatsanwalt Sotir Zazarow am Freitagabend nach einem Treffen von Regierungsvertretern mit den bulgarischen Geheimdiensten.

Der Attentäter sei anschließend nach Rumänien und Ungarn weitergereist. Er habe nach den bulgarischen Erkenntnissen 2016 auch andere Balkanländer wie etwa Serbien, Bosnien-Herzegowina und Bulgarien  besucht. Bulgarien prüfe nun, was für Kontakte der Mann in Bulgarien gehabt habe.

In einem im Internet kursierenden Video über die Bluttat in Christchurch sind mit Namen und Symbolen beschriebene Waffen des mutmaßlichen Täters zu sehen. Einige Beschriftungen verweisen auf die Belagerung Wiens durch die Türken 1683, die Schlachten im Russisch-Osmanischen Krieg 1877-78 am Schipkapass im bulgarischen Balkangebirge und den Kampf des albanischen Fürsten Skanderbeg (1405-1468) gegen die Osmanen.

War es ein Terroranschlag oder nicht?

Während sich die Polizei mit einer Bewertung der Ereignisse noch zurück hielt, fand Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern bereits deutliche Worte: "Es ist klar, dass dies nur als terroristische Attacke beschrieben werden kann", sagte sie am Freitag im Fernsehen. 


Eine ähnliche Einschätzung hatte zuvor auch schon Australiens Premierminister Scott Morrison geäußert. Er sagte am Freitag: "Wir verurteilen diese Attacke, die von einem rechtsextremistischen gewalttätigen Terroristen begangen wurde, aufs Schärfste." 

Welche Rolle spielt das Internet?

Es scheint, als habe der mutmaßliche Haupttäter den Angriff gezielt im Internet verbreitet: Der Mann soll seine Tat mit einer Helmkamera live im sozialen Netzwerk Facebook gezeigt haben. Das Video soll extrem verstörende Szenen aus der Sicht des Schützen enthalten. Außerdem ist wohl zu hören, wie der Schütze den Zuschauern den Rat gibt: "Denkt dran Freunde, abonniert PewDiePie."

Gemeint ist der Youtube-Kanal des Schweden Felix Kjellberg, mit fast 90 Millionen Abonnenten einer der beliebtesten weltweit. Der Videoproduzenten hatte sich in der Vergangenheit bereits gegen Antisemitismus-Vorwürfe wehren müssen. Inzwischen hat sich Kjellberg bei Twitter auch zum aktuellen Fall zu Wort gemeldet. Er schreibt, es mache ihn "absolut krank", mit dem Angreifer von Christchurch in Verbindung gebracht zu werden. 

Die Polizei in Neuseeland bat zunächst darum, das Video nicht weiter zu verbreiten. Später löschte Facebook den fraglichen Account und auch ein zugehöriges Instagram-Profil. Der britische Innenminster Sajid Javid forderte vor diesem Hintergrund Internetkonzerne wie Youtube, Google, Facebook und Twitter auf, mehr gegen extremistische Inhalte auf ihren Plattformen zu tun:   

Die neuseeländische Polizei hat sich noch nicht dazu geäußert, ob die Videosequenzen authentisch den Verlauf des Angriffes wiedergeben.

Was ist dran an den Gerüchten um ein vom Täter verbreitetes Manifest im Internet?

Im Internet kursiert ein 74-seitiges "Manifest", das dem Attentäter von Christchurch zugeschrieben wird. Verbreitet wurde es über soziale Medien, die Polizei äußerte sich bisher nicht zur Echtheit des Dokuments – doch es gibt durchaus Anhaltspunkte für dessen Authentizität. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

Hatte der Attentäter Kontakt zu Anders Breivik? 

Ähnlich ist es mit einem 74 Seiten langen Manifest, das nach dem Angriff im Internet kursiert. Es soll vom mutmaßlichen Täter stammen und den Angriff in Christchurch ankündigen. Darin begründet der Autor die Tat unter anderem damit, dass er habe Rache nehmen wollen "für Hunderttausende von Toten verursacht durch ausländische Eindringlinge in europäischen Ländern im Laufe der Geschichte".Das Schreiben nimmt auch auf den norwegischen rechtsextremen Massenmörder Anders Behring Breivik Bezug. Die neuseeländische Polizei hat sich dazu bisher nicht geäußert. Im Manifest heißt es auch, der Attentäter habe kurz Kontakt mit Breivik gehabt. Dazu erklärten sowohl das Gefängnis im norwegischen Skien als auch Breiviks Anwalt, es sei nahezu unmöglich, dass der Täter direkten Kontakt mit Breivik gehabt haben könnte.

Wie geht es jetzt weiter?

Neuseeland ist geschockt – die Polizei spricht von einem "nie da gewesenen Ereignis". Alle Moscheen im Land wurden aufgerufen, ihre Türen zu schließen. Der Öffentlichkeit wurde geraten, sich bis auf Weiteres von Moscheen fernzuhalten. Eine zwischenzeitliche Ausgangssperre an den Schulen in Christchurch wurde aufgehoben.

Als Konsequenz aus dem Anschlag verschärft Neuseeland das Waffenrecht. "Unsere Waffengesetze werden sich ändern", kündigte Ardern noch vor der Abreise nach Christchurch an. Der Schütze hatte demnach seit November 2017 einen Waffenschein und die bei ihm gefundenen Schusswaffen teils legal erwerben können. Bei ihm seien fünf Schusswaffen gefunden worden, darunter zwei halbautomatische, die er legal habe erwerben können, sagte sie.

Die Ermittlungen der neuseeländischen Polizei laufen auf Hochtouren. Zunächst wurden die Verdächtigen verhört. Am 5. April soll es den nächsten Gerichtstermin geben, an dem der 28-jährige Australier verhört werden soll. Außerdem hat die Polizei hat am späten Freitagabend (Ortstzeit) ein Grundstück in Dunedin, mehr als 300 Kilometer südlich von Christchurch durchsucht, das offenbar im Zusammenhang mit den tödlichen Schüssen stehen soll. Erste Ergebnisse sind in den nächsten Tagen zu erwarten. 

(mit dpa)


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