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Sternenreise in Welten der Utopie

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Es sieht schon ordentlich galaktisch aus im Osnabrücker emma-Theater: abgedunkelte Bühne, Leuchtstreifen am Boden, an den Seiten floureszierende Planeten und "Stuardessen" in schwarz-weißen Latexkostümen am Eingang, die jeden Zuschauer mit softigen Wurfgeschossen versorgen mit dem Kommentar: "Bitte werfen beim Stichwort "Raumschlacht"!".

Prima, freut sich der Zuschauer, endlich mal ein bisschen Raumschiff-Enterprise-Ästhetik im Theater - warum auch nicht? Und tatsächlich: unter satten Drum-´n´-Bass-Beats und Diskokugel-Weltall-Feeling hebt das Raumschiff "Perry Rhodan und die Erben des Universums" ab zu seiner ersten Jungfernfahrt. Endlich, nach zweitägiger Verzögerung aufgrund technischer Probleme, sind sie mit dieser Uraufführung eröffnet, die unendlichen Weiten des Weltalls.

Doch dann kommt alles anders als erwartet. Kein seichtes Science-Fiction-Spektakel mit tapferen Weltraumhelden und einer stringenten Handlung. Nein, die unendlichen Weiten des Weltalls bergen manches Geheimnis. Wer zum Beispiel ist der Mann in der braunen Lederjacke, wer der Mann mit der Schreibmaschine und was hat Martin Luther King mit Perry Rhodan zu tun? Fragen über Fragen, die eines deutlich machen: wohl dem, der vorher das Programmheft gelesen hat!

Das aber hilft: Osnabrücks Operndirektor Thomas Münstermann will in seinem Musiktheaterprojekt einen Perry-Rhodan-Kosmos schaffen, zu dem als Protagonisten nicht nur Perry Rhodan selbst (Rüdiger Nikodem Lasa), sondern auch der Autor der Rhodan-Geschichten, William Voltz (Christoph Nagler), und ein Leser in der nicht authentisch gemeinten Figur des RAF-Terroristen Andreas Baader (Ralph Ertel) gehören. Frage: Warum gerade Baader? Weil bekannt sei, dass Baader im Untergrund Perry Rhodan gelesen habe. Diese drei Personen treffen auf der Ebene des Science-Fiction, des Münstermann´schen Rhodan-Kosmos, aufeinander, der mit viel Schwarzlichteffekten, floureszierenden Schnüren und skurrilen Außerirdischen (Ausstattung: Imme Kachel) durchaus atmosphärisch dicht gestaltet ist. In kurzen Szenen, insgesamt zwölf verschiedenen "Tracks", werden die drei parallelen Handlungsstränge miteinander verwoben. Galaktische Abenteuer Rhodans mischen sich so mit den pazifistischen Visionen von William Valtz und den linksradikalen Ansichten Baaders.

Das zeigt: Science-Fiction-Literatur ist nicht nur Zukunftsspinnerei, sondern auch Spiegel von Zeit und Gesellschaft. Perry Rhodan wird hier politisch zur Reflexion über Macht und Herrschaft, gesellschaftlich zum Spiegel menschlicher Ängste vor Mediengewalt, Technologie und Wissenschaft, philosophisch zur Frage nach dem woher und wohin. Die dramaturgische Idee wollen Münstermann und Regisseurin Ulrike Gärtner als Collagetechnik oder Reality-Remix verstanden wissen. Videoprojektionen (Thorsten Alich) sind ebenso vertreten, wie die Musik von Axel Goldbeck und Björn Schoepke. Diese sehr groove-orientierte, mit viel Drum-´n´-Bass versetzte Musik arbeitet nicht nur mit verfremdeten Real-Sounds, sondern liefert auch die Grundlage für die Sänger. Diese leisten an diesem Abend Beträchtliches. Nicht nur die drei Protagonisten, auch Natalia Atamanchuk und Iris Marie Kotzian (in wechselnden Rollen) sind gefordert, ihre Partien teils jazzig, teils klassisch oder auch mal als Rap vorzutragen.

Fazit des Abends? Münstermann versucht den Rundumschlag zu schaffen, Zeitgeschehen, Menschheitstraumata, Futuristisches und existentielle Philosophie in einen Topf zu werfen, einmal kräftig umzurühren und auszuschütten. Die Mixtur droht, den Zuschauer visuell wie auch intellektuell zu überfordern, ist aber auch eine konsequente Folge der Collagetechnik, bei der eben vieles unentdeckt und unverstanden bleibt. Dem unvorbereitetem Zuschauer bleiben zumindest die wirklich eindrucksvollen Bilder im Gedächtnis. Auf jeden Fall bietet sich viel Raum für Spekulationen. Ein nicht ganz uninteressantes Ergebnis.


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