zuletzt aktualisiert vor

Jahrzehnte lang Stillstand Lisa Ortgies vor der Artland-Akademie Quakenbrück zu Familienpolitik

Von Anja Polaszewski

Meine Nachrichten

Um das Thema Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

<em>Hat die Gleichberechtigung</em> zwischen Männern und Frauen im Blick: Lisa Ortgies Foto: Anja PolaszewskiHat die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen im Blick: Lisa Ortgies Foto: Anja Polaszewski

Quakenbrück. Gleichberechtigung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Frauenquote und Feminismus: Über diese und weitere Themen des Familienalltags referierte am Freitagabend im Hörsaal des Deutschen Instituts für Lebensmitteltechnik (DIL) Lisa Ortgies, Journalistin, Schriftstellerin und Buchautorin. Eingeladen zu „Stolperstufen zur Emanzipation“ hatte die Artland-Akademie Quakenbrück im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe 2013.

Im Vorfeld des Referats erfahren die Gäste viel über Lisa Ortgies, die eigentlich Elisabeth heißt und sich schon seit über 15 Jahren mit Männer- und Frauenfragen auseinandersetzt: wie und wo sie in Quakenbrück aufgewachsen ist, wohin es sie im Laufe des Lebens verschlagen hat und warum sie noch immer gern in ihre Heimatstadt zurückkommt. Für die 47-Jährige ist Quakenbrück „eine kleine, hübsche Stadt im Norden, einer der schönsten Flecken im eher reizarmen Niedersachsen - einer der Schauplätze in Heinz Strucks ’Fleisch ist mein Gemüse‘.“ Und weiter: „Der Name des Städtchens klingt so ähnlich wie Entenhausen und ist vor allem den Fans einer amerikanischen Ballsportart geläufig.“ Diese Beschreibung kommt gut an bei den rund 150 geladenen Gästen: Lachen im Hörsaal. Und auch sonst besticht sie mit ihrer charmanten und frechen Art. Nach ihrem Aufenthalt als Au-pair in den USA wurde Lisa Ortgies zunächst einmal Stewardess und begann etwa zeitgleich ein Studium der Psychologie und der Soziologie. Nebenbei schrieb sie bei einer Heidelberger Tageszeitung und startete anschließend eine Ausbildung zur Journalistin an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. 1996 moderierte die Autorin dreier Bücher als Schwangerschaftsvertretung unter anderem Nachrichtensendungen beim Lokalsender Hamburg 1. Ihr weiterer Weg führte sie über den NDR (sie moderierte hier die Kultursendung „Arena“) zum WDR. Heute ist sie „das Gesicht von frauTV“. „Die Zuschauer dieser Sendung sind übrigens zu 30 Prozent männlich“, freut sich Lisa Ortgies. 2008 war sie kurze Zeit Chefredakteurin von „Emma“, davor einige Jahre Kolumnistin für die Frauenzeitschrift.

Zurück zum Thema Emanzipation. Fehlende Krippenplätze in Deutschland, unflexible Arbeitszeiten und Präsenzkultur – Lisa Ortgies weiß: Wer heute ins Stolpern zwischen Kind und Karriere gerät, gibt sich oft selbst die Schuld. „Frauen sind da besonders gut drin“, sagt sie. „Männer kommen seltener in die Verlegenheit an der Vereinbarkeit zwischen Job und Familie zu scheitern, aber ihre Entscheidung und ihr Verhalten werden zur Stolperstufe für beide Geschlechter.“ Hierzulande gebe es leider immer noch die These, dass Kind und Karriere einfach nur eine Frage der Organisation seien. Doch so einfach sei dies eben nicht, findet die zweifache Mutter. „Junge Frauen erwarten Unterstützung von ihren Männern und vom Staat, was leider noch lange nicht funktioniert.“ Deutschland habe einen jahrzehntelangen Stillstand in Sachen Familienpolitik nachzuholen.

Frauen seien überzeugt, dass allein Talent und Können über Karriere entschieden, „deshalb gibt es so viele Quotengegnerinnen“. Dieses Selbstbewusstsein zähle jedoch durchaus zu den Erfolgen der Emanzipationsbewegung und werde immer wieder in Studien bestätigt.“

Wichtigstes Ergebnis einer renommierten Brigitte-Studie („Frauen auf dem Sprung“) sei: Frauen wollen beides: Job und Kinder – und das am liebsten gleichzeitig. „Werden Frauen heute schwanger, wird oft an ihnen vorbei befördert. Sie gehen nicht zum Chef und fragen, woran es liegt, sondern fragen sich, was sie falsch gemacht haben. Nach ihrer Rückkehr werden sie oft gedanklich aussortiert und unterhalb ihrer Kompetenzen beschäftigt.“ Lisa Ortgies zuckt mit den Schultern. Manchmal kämen sogar Abfindungsangebote ins Spiel. Betretene Gesichter im Hörsaal. Einige weibliche Gäste nicken. Ihr Fazit: Die Bedingungen der Arbeitswelt seien von Männern für Männer gemacht, denen eine „Familienmanagerin“ im Idealfall den Rücken frei hält.

Lisa Ortgies zeigt an diesem Abend: Einem zukunftsfähigen Familienmodell „steht unser eigenes Festhalten am traditionellen Familienbild, an alten Vorurteilen und Denkordnungen“ im Wege. Sie fordert deshalb: eine emanzipierte Familie, in der weder Mütter noch Väter die Wahl zwischen Vollzeit-Elternschaft und 60-Stunden-Job treffen müssen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN