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Kommentar: Kunstprojekt Muezzin-Gesang Ein Schritt zu weit

Von Wilfried Hinrichs

Die Provokation gehört zum Wesen der Kunst. Sie darf verstören und gewohnte Denkkategorien auf den Kopf stellen. Aber sie muss sich auch ihrer Verantwortung bewusst sein: Der muslimisch anmutende Gebetsruf vom Kirchturm wird trotz aller Bemühungen um Aufklärung und Dialog Vorbehalte bekräftigen und neue Konflikte schüren.

Die von der Kirchengemeinde geplante Informationskampagne wird nicht jeden erreichen. Viele Menschen werden Ende Oktober irritiert zum Himmel schauen, wenn der vermeintliche Gebetsruf ertönt. Die Gefahr, dass die Künstlerin damit dumpfes Unbehagen auslöst, ist größer als die Chance, mit dieser Aktion den Dialog zu fördern. Dieser Verantwortung müssen sich die Künstlerin und die Kirchengemeinde stellen, die nicht dazu einladen, sich dem Klangexperiment in einem eigens dafür geschaffenen Kontext zu nähern, sondern die Menschen von oben herab und ungefragt beschallen. Diese Aktion geht zu weit. Sie sollte abgesagt werden.