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Landwirte lernen Akupunktur Wie Yin und Yang bei Riester Kühen wirken

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Rieste. Der Hof Nannemann in Bieste-Westendorf ist an diesem Tag völlig zugeparkt. Zahlreiche Pkw, dazwischen ein Transporter des NDR-Fernsehstudios Osnabrück. „Naturheilverfahren in der Rinderhaltung“ heißt ein Kurs der Landwirtschaftskammer, der hier stattfindet. Zehn Frauen aus dem ganzen Landkreis Osnabrück nehmen teil.

„Als Produzenten von Milch und Fleisch sind wir gegenüber dem Verbraucher in der Pflicht“, sagt Barbara Grünebaum. Die junge Landwirtin aus Malgarten will „sich fit machen“ und vorbereitet sein für mögliche Änderungen in der Gesetzgebung. Weniger Antibiotika-Einsatz – ein Ziel, das natürlich alle anstreben. Die Landwirtinnen sind unter anderem aus Melle, Osnabrück, Bad Essen und Bad Laer angereist. Für einige ist es nicht der erste Kurs zum Thema. Jutta Blome von der Landwirtschaftskammer ist auch dabei und als einzige Nicht-Landwirtin Karen Suhl. Die junge Tierarzthelferin arbeitet in einer Tierklinik in Bramsche und hat Akupunktur bereits bei Kleintieren kennengelernt.

Ein straffes Theorie-Programm am Vormittag vermittelt die Grundlagen der Traditionellen Chinesischen Medizin. Die Balance zwischen „Yin“ und „Yang“, die Bedeutung des „Qi“ und vieles mehr. Schwerpunkt ist heute die Anwendung der Akupunktur in der Milchviehhaltung. Warum nehmen ausschließlich Frauen an diesem Kurs teil? „Frauen sind empfänglicher für Naturheilverfahren“, glaubt Barbara Grünebaum.

Kursleiterin Berit Lambrecht bestätigt das mit einem Fall aus dem Berufsleben. Sie habe bei einem Landwirt, der nichts von Akupunktur gehalten habe, auf Geheiß der Landwirtin eine Kuh behandelt, die zehn Tage nach einer Geburt sehr krank war und am anderen Tag „weggehen“ sollte. Nach einer Stunde sei eine vorher unentdeckt gebliebene „Steinfrucht“ abgegangen, ein abgestorbenes Zwillingskalb, und die Kuh habe sich vollständig erholt. Da habe auch der Landwirt seine Meinung geändert.

Gestörte Vorgänge heilen

Die Tierärztin aus Aurich möchte mit ihrem Kurs „Hilfe zur Selbsthilfe geben“, macht aber deutlich: „Eine Wunderheilerin bin ich nicht.“ Die Akupunktur sei nicht für todkranke Tiere gedacht. Das Verfahren sei zwar noch wenig wissenschaftlich belegt, werde aber zunehmend anerkannt und lasse sich „gut mit Schulmedizin kombinieren“. Akupunktur diene zur Prophylaxe und heile „gestörte Vorgänge im Körper“, zum Beispiel bei nachgeburtlichen Schwierigkeiten. Unter einer solchen Störung leidet die Kuh, die im Praxisteil am Nachmittag quasi als Versuchsobjekt dient. Gastgeberin Susanne Nannemann hat eine junge Kuh ausgewählt, die nach dem zweiten Abkalben sofort 50 Liter Milch lieferte, was „so schnell gar nicht gut“ sei. Jetzt hat das magere Tier Schwierigkeiten, wieder zu Kräften zu kommen und Fleisch anzusetzen.

Kuh auf dem Klemmbrett

Alle Teilnehmerinnen inklusive Fernsehteam tragen einen weißen Schutzanzug und einen Plastikschutz an den Füßen und scharen sich um das angebundene Tier. Ein Bogen auf dem Klemmbrett der Landwirtinnen zeigt das Schema einer Kuh mit eingezeichneten Diagnosepunkten. Die gilt es nun am lebenden Objekt zu finden. Die Tierärztin zeichnet mit dem blauen Marker linksseitig auf. Alle Teilnehmerinnen ertasten die Punkte. Mal ist es eine Delle, mal eine Erhebung. Die Nervosität der Kuh legt sich schnell. Sie frisst entspannt und genießt scheinbar die Berührungen. Berit Lambrecht diagnostiziert Störungen an mehreren Organen. „Mehr als fünf bis acht Nadeln sollten nicht gesetzt werden“, erklärt sie. Aus chinesischer Sicht seien bei dieser Kuh Leber und Milz am meisten betroffen, also werden die Nadeln entsprechend gesetzt. Bis zu 2,5 Zentimeter tief dringen sie ein. „Selber weiteratmen“ und „sich trauen“ lautet der Tipp der Tierärztin an die Frauen, die es selbst versuchen dürfen. Etwas unruhig tänzelt die Kuh zur Seite. Die Nadeln sitzen. Die rechte Seite behandelt Berit Lambrecht mit dem Laser, eine Methode, die inzwischen von vielen Tierärzten eingesetzt werde und ähnliche Wirkung erziele. Vor allem bei jungen und alten Tieren müsse man vorsichtig sein, sagt sie. Fünf bis 45 Minuten dürften die Nadeln stecken bleiben. Das Gewebe werde weich, und die Nadeln schöben sich meistens von selber heraus, erläutert die Expertin. Auch hier dauert es nicht lange.

Ein Gefühl entwickeln

Landwirt Bernd Nannemann führt eine zweite Kuh heran. Das 2001 geborene Tier ist zwar kräftig und gesund, wird aber nicht trächtig. Auch hier tupft Berit Lambrecht blaue Punkte auf das Fell. Bestimmte Stellen seien bei gesunden Tieren schwerer zu finden, erklärt sie und rät den Landwirtinnen, zunächst täglich fünf Minuten bei einer Kuh die Akupunkturpunkte zu suchen, um ein Gefühl dafür zu entwickeln.


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