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Der Erste Weltkrieg machte in Neuenkirchen alle Pläne zunichte – Vortrag von Christian Hoffmeister im Heimathaus Die Eisenbahn blieb nur ein Wunschtraum

Von Jürgen Krämer

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Referierte im Neuenkirchener Heimathaus: Christian Hoffmeister. Foto: Jürgen KrämerReferierte im Neuenkirchener Heimathaus: Christian Hoffmeister. Foto: Jürgen Krämer

jk Neuenkirchen. Das Projekt erwies sich als dermaßen zukunftsorientiert, dass sich im Jahre 1912 nicht nur 220 Bürger aus dem Kirchspiel dazu bereit erklärten, ihren Beitrag zum Gelingen des Vorhabens zu leisten. Sogar ein Kornbrenner aus Steinhagen und ein Unternehmer aus dem westfälischen Lengerich signalisierten Bereitschaft zur Zahlung von Geld, damit Neuenkirchen an die Bahnlinie angeschlossen werde.

„Gleisanschluss für Neuenkirchen“ – so lautete der Titel eines Vortrages, den Christian Hoffmeister am Sonntagnachmittag im Heimathaus hielt. Zum Auftakt seiner Ausführungen drehte das Vorstandsmitglied des örtlichen Heimatvereins das Rad der Geschichte in das Jahr 1835 zurück, als zwischen den Städten Nürnberg und Fürth eine sechs Kilometer lange Eisenbahnlinie eröffnet wurde. „Diese Bahnverbindung wird heute als erste Eisenbahn in Deutschland angesehen, weil sie neuartige Dampflokomotiven einsetzte“, erläuterte der Referent. Bereits 20 Jahre später, also schon recht früh, sei die Eisenbahn in den Kreis Melle gekommen, berichtete der Redner mit dem Hinweis darauf, dass die Eisenbahnverbindung Löhne–Osnabrück am 21. November 1855 als Teilstück der Hannoverschen Nordwestbahn in Betrieb genommen wurde. Seinerzeit sei in Melle ein Bahnhof eingerichtet worden. Weitere Haltestellen habe es in Bruchmühlen und Wissingen gegeben. 1879 sei Westerhausen dazugekommen.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war in Deutschland durch eine zunehmende Industrialisierung gekennzeichnet, die in den späteren Jahrzehnten auch den ländlich geprägten Raum erreichte. So war es laut Hoffmeister nicht verwunderlich, „dass im ausgehenden 19. Jahrhundert viele Gemeinden im damaligen Kreis Melle Kleinbahnen mit Anbindung an den Meller Bahnhof wünschten“. Neben dem Personenverkehr hätten diese Kleinbahnen Landwirtschafts- und Industriegüter transportieren sollen. „Für Neuenkirchen ergab sich die besondere Situation, dass eine Anbindung an zwei Eisenbahnlinien möglich war: im Norden die Anbindung an die Linie Löhne–Osnabrück und im Südwesten die Anbindung an die Linie Osnabrück–Bielefeld (Haller Willem“, führte der Referent aus. Insbesondere im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts seien im Raum Neuenkirchen verschiedene Linienführungen für Kleinbahnen angedacht worden.

Christian Hoffmeister zitierte aus einem Erläuterungsbericht zum Projekt für Kleinbahnstrecken im Kreis Melle aus dem Jahr 1897. In diesem Papier heißt es unter anderem: „Der Kreis Melle beabsichtigt, die Ortschaften St. Annen, Riemsloh, Neuenkirchen, Gerden mit der Kreisstadt Melle durch Kleinbahnen in Verbindung zu bringen und durch deren Anlage den landwirtschaftlich gut bebauten östlichen Teil des Kreises Melle dem Verkehr zu erschließen. [...] Für die Verbindung der genannten Ortschaften kommen zwei Linien in Betracht, von denen die eine von St. Annen über Riemsloh, Gerden nach Melle, die andere von St. Annen über Neuenkirchen und Gerden nach Melle führt. Wird die erste Linie gewählt über Riemsloh, so muss Neuenkirchen mittels Stichbahn angeschlossen werden, während, wenn die zweite über Neuenkirchen führende Linie zur Ausführung kommt, eine Stichbahn nach Riemsloh notwendig wird.“ Auch eine Linienführung von St. Annen über Ostenfelde, Gerden nach Melle sei diskutiert worden, sagte der Referent weiter. Weitere Projekte hätten sich mit Bahnverbindungen von Melle nach Borgholzhausen sowie von Bielefeld über Werther und Neuenkirchen nach Melle befasst. Alle genannten Vorhaben seien allerdings nie über die frühe Planungsphase hinausgekommen.

„Die Planungen für ein Kleinbahnprojekt wurden dagegen kontinuierlich vorangetrieben und waren bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges weit fortgeschritten“, führte der Referent aus. So habe die Firma Vehring & Winter den Bau einer normalspurigen Kleinbahn von Warendorf nach Versmold, Borgholzhausen und Bünde geplant. Diese Linie sollte die Orte Ahle, Groß Aschen, Balgerbrück, Spenge, Wallenbrück, Neuenkirchen, Borgholzhausen-Nord und -Süd, Bockhorst, Versmold und Sassenberg berühren.

„Nach Auffassung der Planer ließ sich die Strecke bequem bauen, und zwar bei geringem Kapitaleinsatz“, so der Heimatforscher. Der Samtgemeindeausschuss habe im Mai 1915 beschlossen, für die staatliche Nebenstrecke Borgholzhausen– Neuenkirchen–Bünde kostenlos Grund und Boden zur Verfügung zu stellen und für einen eigenen Bahnhof 50000 Mark aufzubringen. Und als der Kreistag in Melle einen Zuschuss zu den Grunderwerbskosten für das Gebäude abgelehnt hatte, bekundeten 220 Bürger ihre Bereitschaft, das Vorhaben finanziell zu unterstützen – mit mehr als 37000 Mark.

„Der Erste Weltkrieg, der im Spätsommer 1914 begann, machte mit der Niederlage im Jahr 1918 all diese Planungen zunichte“, resümierte Christian Hoffmeister. Für ihn stand fest: „Ohne den folgenreichen Krieg hätte Neuenkirchen wohl spätestens in den 1920er-Jahren eine Eisenbahnlinie und einen Bahnhof gehabt. “


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