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Buch von Rolf Cantzen Eine offene Wunde, die nicht verheilt: Biografische Reflexionen über „katholische Internatsgeschichten“

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<em>Im Sammelband </em>von Rolf Cantzen sind Geschichten von Schülern aus katholischen Internaten zwischen 1950 bis in die 80er-Jahre hinein zusammengestellt.Im Sammelband von Rolf Cantzen sind Geschichten von Schülern aus katholischen Internaten zwischen 1950 bis in die 80er-Jahre hinein zusammengestellt.

Berlin/Handrup. Fast drei Jahre ist es inzwischen her, als nach Skandalen in Irland und den USA auch in Deutschland Sexualdelikte größeren Ausmaßes in Einrichtungen der katholischen Kirche bekannt wurden. Seitdem ist es ruhiger geworden um dieses Thema – zumindest in der medialen Wahrnehmung. Aus der Sicht von Betroffenen bleiben die gemachten Erfahrungen, auch wenn sie mitunter Jahrzehnte zurückliegen, wie eine offene Wunde, die nicht verheilen will. Helfen kann es, sich das Ganze von der Seele zu schreiben. Das hat Rolf Cantzen getan.

Cantzen, 1955 geboren, arbeitet als freier Autor und Hörfunkjournalist für verschiedene Sender. In seinem Buch „Ich bin hinter dir – Katholische Internatsgeschichten“ verarbeitet er seine persönlichen Erfahrungen zwischen 1966 und 1975 im Internat des Klosters Handrup. Der Internatsbetrieb dort endete 1999. In weiteren biografischen Reflexionen kommen andere Autoren zu Wort, die über ihre Erfahrungen in katholischen Institutionen aus dieser Zeit berichten: katholische Jungeninternate in Bonn, Euskirchen, Ettal, Meppen, Loburg, Vechta, betrieben von verschiedenen Orden, in der Zeit zwischen 1950 bis in die 1980er-Jahre hinein. „Gemeinsam war allen Internaten eine Gewalt, die auch über das damals Übliche hinausging. In einigen Internaten gingen die Gewaltverhältnisse fließend über in sexuellen Missbrauch“, sagt Cantzen in einem Interview mit dem „Humanistischen Pressedienst“ (hpd).

Im April 2010 berichtete unsere Zeitung unter dem Titel „Kamen Patres Jungen zu nahe?“ über die Gewalterfahrungen eines ehemaligen Internatsschülers in Handrup und löste damit eine öffentliche Debatte über diesen Teil der Internatsgeschichte aus. Der Artikel „war so etwas wie eine Anstoßwirkung für dieses Buch“, schreibt Cantzen unserer Zeitung. Per Brief, Telefon und E-Mail hatten sich daraufhin Betroffene an den Orden der Herz-Jesu-Priester gewandt, der das Internat geführt hatte.

„Schüler und Schülerinnen sahen sich der Anwendung von Gewalt und sexuellen Übergriffen ausgesetzt“, hieß es damals in einer Stellungnahme des Ordens. „Sie erlebten ein Gefühl von Scham, Ohnmacht und Ausgeliefertsein. Ihre Stimme wurde nicht gehört, manchmal erstickte sie in der eigenen Beklemmung.“ In Handrup verwendeten Pater Rektor Olav Hamelijnck, Schulleiter Franz-Josef Hanneken und sein Stellvertreter Paul Wöste große Mühe darauf, mit den Opfern Kontakt aufzunehmen, und boten ihre Hilfe an.

Cantzen und die weiteren Autoren geben einen beklemmenden Einblick in einen Internatsalltag wieder, den Cantzen selbst „als gestuftes Angst- und Gewaltsystem“ kennengelernt hat.

Sein Buch ist schwer zu ertragen, es kann auch nicht anders sein. Er kommt zu dem Schluss, dass christliche Ideologie, begünstigt durch hierarchische Institutionen „und durch eine zur ‚Reinheit‘ verpflichtete zölibatäre Männergemeinschaft“, die sexualisierte Gewalt in katholischen Internaten in jener Zeit begünstigt hat. Unabhängig von dieser Interpretation bleibt Cantzens Buch vor allem dies: ein erschütterndes Zeugnis über die Ohnmacht von Kindern und deren Ausgeliefertsein.

Rolf Cantzen (Hrsg.): Ich bin hinter dir – Katholische Internatsgeschichten. 197 Seiten, Abbildungen, 15 Euro. ISBN 978-3-86569-073-9.


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