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Weniger Frontalunterricht In Bippen lernen Erst- und Zweitklässler zusammen

Die Erst- und Zweitklässler werden an der Grundschule in Bippen bereits gemeinsam unterrichtet. Der jahrgangsübergreifende Unterricht soll auch an der Neuenkirchener Grundschule eingeführt werden. Archivfoto: Jürgen AckmannDie Erst- und Zweitklässler werden an der Grundschule in Bippen bereits gemeinsam unterrichtet. Der jahrgangsübergreifende Unterricht soll auch an der Neuenkirchener Grundschule eingeführt werden. Archivfoto: Jürgen Ackmann

Bippen. Wie ein ehemaliger Schüler das Rollenbild des Lehrers beschreibt, hängt von seinem Alter, der besuchten Schule und persönlichen Erfahrungen ab. Dompteur? Gestrenger Lehrmeister? Fähiger Wissensvermittler? Die Variationsbreite ist groß. An der Grundschule in Bippen werden die Jungen und Mädchen ihre Lehrer vielleicht einfach als „gute Helfer beim Lernen“ in Erinnerung behalten. Und das ist ausdrücklich erwünscht.

In Bippen ist seit Schuljahresbeginn vieles anders. So gibt es zum ersten Mal „jahrgangsgemischte Klassen“. Anders ausgedrückt: Die Erst- und Zweitklässler werden gemeinsam unterrichtet – wohlgemerkt in allen Fächern. Lediglich in Mathe und Sachkunde gibt eine Extrastunde pro Woche für die jeweiligen Klassen. Dies geschieht nicht, weil es zu wenig Kinder gibt, sondern aus pädagogischer Überzeugung.

Gleichwohl stellt sich zunächst die Frage, wie so ein Unterricht überhaupt möglich ist. Ein Erstklässler lernt doch gerade erst schreiben, ein Zweitklässler hingegen hat schon das komplette Alphabeth durchgenommen. Es ist möglich, sehr gut sogar, wie Schulleiter Frank Kemper findet. Der Unterricht sei stark individualisiert, jeder lerne auf der Grundlage seines jeweiligen Könnens und im eigenen Tempo. Auch die Lernkontrollen würden nach Bedarf geschrieben. Jeder Schüler schreibe seinen „Test“ dann, wenn er mit seinem Lernstoff durch sei.

Damit das alles reibungslos funktioniert, müssen die Lehrer detaillierte Arbeitspläne für viele unterschiedliche Schüler erstellen und umsetzen. Das war in den ersten Wochen in Bippen durchaus anstrengend. Es fehlte einfach die Routine. Hinzu kommt, dass der organisatorisch einfachere Frontalunterricht – auch heute noch an vielen Schulen gepflegt – kaum möglich und sinnvoll ist. In Bippen steht der Lehrer in der Regel nicht mehr vorne am Pult, um von dort aus das Geschehen zum Beispiel im fragend entwickelnden Unterricht zu steuern. Er sitzt mit den Schülern zusammen und – genau – hilft ihnen beim Erarbeiten des jeweiligen Lernthemas.

Aber nicht nur der Lehrer ist als Helfer gefragt. Auch die Schüler selbst. Hier kommt ein weiterer wichtiger Aspekt des jahrgangsübergreifenden Unterrichts zum Tragen. Wenn beispielsweise ein Erstklässler eine Rechenaufgabe nicht versteht, kann er sich auch an einen Zweitklässler wenden. Zu diesem Zweck wird der Erstklässler aber nicht einfach in die Klasse rufen. Er wird vielmehr ein Schild mit der Aufschrift „Wer hilft mir“ auf seinen Tisch stellen. Der Schüler, der gerade helfen kann, schaut dann vorbei.

Diese Art des Lernens hat für Frank Kemper mehrere Vorteile. Zum einen wird das Miteinander in der Klasse gefördert. Zum anderen wird das Selbstbewusstsein der kleinen Helfer gestärkt, die sich freuen, anderen etwas erklären zu können. Solche Erfolgserlebnisse beflügeln. Dass der Erklärende dabei meist selbst noch etwas lernt, ist ein weiterer Aspekt.

Aus Sicht der Bippener Grundschule gibt es aber noch weitere Vorzüge von jahrgangsübergreifenden Klassen. Die Zweitklässler würden zum Beispiel den neuen Erstklässlern auf eine ganz selbstverständliche Art und Weise beibringen, „wie der Unterricht überhaupt funktioniert“. Wo also die Malsachen hinkommen, wie das mit dem Leisesein ist oder wann welches Heft benötigt wird. Hat ein Lehrer ausschließlich unerfahrene Erstklässler vor sich, dauert es in der Regel viele Wochen, bis sich die Dinge eingespielt haben.

Und dann gibt es da noch eine Sache. Wenn beispielsweise ein Schüler die zweite Klasse wiederholen muss, dann kommt er nicht in eine gänzlich neue Gruppe. Er kennt ja die Erstklässler, die nun zu Zweitklässlern geworden sind. Auch das sei positiv, so Frank Kemper.

Er selbst hat bisher nur an Schulen gearbeitet, die nach diesem Konzept unterrichtet haben – in Varel, in Meppen und nun also in Bippen. Hier hat sich das Kollegium im vergangenen Jahr auf den Weg gemacht und sich entsprechend fortgebildet. Da das Unterrichtskonzept an den Ideen der Montessori-Pädagogik angelehnt ist, sind derzeit zwei Pädagogen der Schule dabei, ein entsprechendes Diplom abzulegen. Mit anderen Worten: In Bippen lernen nicht nur die Schüler fleißig, sondern auch die Lehrer.

Frank Kemper weiß natürlich, dass die neue Unterrichtsform bisweilen auch kritisch beäugt wird, gleichwohl freut er sich, dass die Eltern dem Vorhaben mit großer Mehrheit zugestimmt haben.

Den jahrgangsübergreifenden Unterricht gibt es nur für die Klassen eins und zwei. Von der dritten Klasse an wird getrennt unterrichtet. Auch werden dann zu den gleichen Zeiten die Tests geschrieben. Gleichwohl gibt es weiterhin individualisierten Unterricht. Die Grundanforderungen müssen zwar alle erfüllen, aber wer darüber hinaus mehr lernen möchte, der hat alle Chancen dazu.

Die Grundschule in Bippen segelt auf ihren neuen pädagogischen Kurs übrigens nicht allein. Zwar gibt es derzeit nur wenige Grundschulen im Nordkreis, die so wie die Bippener arbeiten, aber einige Kollegien wollen nachziehen. Auch unterstützt das Kultusministerium diese Formen des individualisierten Unterrichts. Die Zeiten von Dompteuren und Zuchtmeistern sind vorbei. Heute ist der Lehrer ein „Helfer“. In Bippen allemal.


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