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Anne Hemme spendet Knochenmark und rettet hoffentlich ein Leben Zwilling hilft Zwilling

Ein elfstelliger Code aus Zahlen und Buchstaben steht auf dieser scheckkartengroßen Karte, die Anne Hemme als Knochenmarkspenderin ausweist. Foto: Christian GeersEin elfstelliger Code aus Zahlen und Buchstaben steht auf dieser scheckkartengroßen Karte, die Anne Hemme als Knochenmarkspenderin ausweist. Foto: Christian Geers

Voltlage. Wenn Anne Hemme von ihrer Zwillingsschwester spricht, dann wissen Freunde und Verwandte: Sie meint ihre jüngere Schwester Lena. Aber die 18-jährige Voltlagerin hat noch einen Zwilling. Von diesem Menschen weiß sie eigentlich nichts. Nur so viel: Ihre und seine Gene sind sich sehr ähnlich. So ähnlich, dass Anne Hemme mit ihrem Knochenmark dem „genetischen Zwilling“ vielleicht das Leben gerettet hat.

Die 18-Jährige, die mit ihrer Familie im Ortsteil Höckel lebt, macht nicht viele Worte. Aber die klingen sehr bestimmt. „Wo man Leben retten kann, sollte man es auch tun. Schließlich kann die Krankheit jeden Menschen treffen.“ So war es für die Schülerin des Wirtschaftsgymnasiums in Hop-sten auch keine Frage, sich im Frühjahr 2009 an einer Typisierungsaktion zu beteiligen.

Die hatte die Stefan-Morsch-Stiftung veranstaltet, um potenzielle Spender für die Knochenmark- und Stammzellenspenderdatei zu finden. Für Menschen, die an Leukämie erkrankt sind und für die eine solche Spende oft die einzige Überlebenschance ist. Schüler und Lehrer kamen der Aufforderung in großer Zahl nach.

Im Dezember erhielt Anne Hemme dann eine Nachricht von der Stiftung: Möglicherweise komme sie als Spenderin infrage, weitere Tests seien erforderlich, hieß es darin. Nach einem Vortest stand schließlich fest: Die Höckelerin ist als „genetischer Zwilling“ geeignet.

Es folgten genauere Voruntersuchungen in Wiesbaden, in der Deutschen Klinik für Diagnostik (DKD). Gemeinsam mit ihrer Mutter machte sie sich im Januar auf den Weg und reiste schon einen Tag vorher an. EKG, Blutwerte – die untersuchenden Ärzte stellten die Schülerin auf den Kopf und attestierten ihr hinterher, völlig gesund zu sein.

Nach einer weiteren Woche hatte es Anne Hemme schwarz auf weiß: Sie ist eine geeignete Knochenmarkspenderin. Nun musste sich die Schülerin entscheiden. „Die Stefan-Morsch-Stiftung hat mich sehr gut betreut.“ Sie habe viele Telefonate mit ihrer Betreuerin geführt, sei über den Ablauf der Spende und den Eingriff detailliert informiert worden.

Schnell stand die Entscheidung fest, nach dem ersten Schritt, der Typisierung und Registrierung, auch den zweiten, die Spende, zu tun. Ende Februar reiste Anne Hemme erneut nach Wiesbaden. „Meine Mutter war aufgeregter als ich“, sagt sie. Ein leichtes Lächeln huscht über ihr Gesicht. Unter Vollnarkose entnehmen die Ärzte ein Knochenmark-Blut-Gemisch aus dem Beckenkammknochen. Genauer: Die Einstichstellen liegen unterhalb des Hosenbundes. Der Eingriff verläuft reibungslos. Nach zwei Tagen reisen Anne und ihre Mutter wieder nach Hause.

Muskelschmerzen rund um das Becken erinnern die Höckelerin noch zwei Wochen lang an den Eingriff. Und etwas schlapp fühlt sie sich auch. „Das aber hatten mir die Ärzte vorher schon gesagt.“ Die Einstichstellen verheilen problemlos, zwei Wochen verzichtet die begeisterte Volleyballspielerin auf jeden Sport. Und eine Überraschung gibt es kurz darauf auch: Mit einem Präsentkorb und einer Packung Eisentabletten bedankt sich die Stiftung für ihre Spendenbereitschaft.

Für Anne Hemme ist die Spende an sich nichts Besonderes. „Ich würde das wieder tun“, sagt sie. Und wieder klingt es sehr bestimmt. Dass Eltern, Freunde und Verwandte „schwer begeistert“ waren, freut sie.

Eine Frage aber brennt der 18-Jährigen unter den Nägeln. Gerne möchte sie wissen, ob sie mit ihrer Knochenmarkspende tatsächlich ihrem „genetischen Zwilling“ das Leben gerettet hat. Oder wie es ihm nach der Übertragung der Stammzellen ergangen ist. Doch dem schiebt der Datenschutz einen Riegel vor. Vorerst. Erst müsse der Genesungsprozess einige Monate vorangeschritten sein, bevor genauere Aussagen gemacht werden könnten, erfuhr Anne Hemme von der Stiftung. Und ein Kennenlernen der „Zwillinge“ ist in beiderseitigem Einvernehmen erst nach zwei Jahren möglich. „Wissen möchte ich es schon“, sagt sie. In der Tat. Das wäre auch ein schöner Schluss für diese Geschichte über hilfsbereite Menschen.