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Beim Entrümpeln 1000 historische Dokumente entdeckt – Auch Unterlagen aus der Zeit vor dem Brand von Neuenkirchen Der Zahn der Zeit und der Zahn der Maus

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Neuenkirchen. Dieser Fund ist für die Heimatkundler fast so etwas wie sechs Richtige im Lotto: Bei Entrümpelungsarbeiten im Hölscher-Haus am Lindenplatz in Neuenkirchen haben Bürger in diesen Tagen historische Dokumente entdeckt, die teilweise aus der Zeit vor dem großen Brand von Neuenkirchen stammen. Das Inferno hatte im Jahre 1883 große Teile des Ortes in Schutt und Asche gelegt, darunter auch die Kirche im Ortskern.

Die Akten und teilweise handschriftlich gefertigten Schriftstücke befanden sich bereits zum Abtransport auf einem Anhänger, als Ute Hanheide, geborene Frommeyer, auf die betagten Dokumente stieß.

„Das Material befand sich in einem kleinen Raum auf dem Spitzboden des Hauses. Ein Raum, dessen Zugang bereits in meiner Kindheit von einem großen Schrank versperrt wurde“, erinnert sich die Tochter Otto Frommeyers, der ebenso wie sein Vater Karl über viele Jahre hinweg als Bürgermeister von Neuenkirchen fungierte.

Ob die inzwischen bereits verstorbenen Kommunalpolitiker die Unterlagen in dem kleinen Zimmer ablegten, dürfte im Dunkel der Geschichte verborgen bleiben. „Auch mir ist nicht bekannt, wie die Dokumente dorthin gelangt sind“, erklärte Otto Frommeyers Witwe Gerda jetzt bei der offiziellen Präsentation der Fundstücke im Heimathaus am Kirchplatz. Das Hölscher-Haus selbst sei nach dem Brand von Neuenkirchen errichtet worden. „Irgendwann danach muss irgendjemand die Dokumente auf dem Dachboden deponiert haben“, so die Ruheständlerin. Zum Glück seien die Schriftstücke „vor dem Müll bewahrt worden“.

„An einem Teil dieser Unterlagen hat nicht nur der Zahn der Zeit, sondern auch der Zahn der Maus genagt“, scherzte der Vorsitzende des Heimatvereins Neuenkirchen, Wilfried Buddenbohm, bei einem Blick auf eine Klassensteuer-Rolle aus dem Jahre 1875, in der die Abgaben aller Einwohner der damaligen Gemeinde Neuenkirchen vermerkt sind. Denn an einem Teil des Papiers hatten sich bereits kleine Nager gütlich getan. „Doch nur am Rand. Der eigentliche Inhalt der Steuerolle blieb davon unberührt“, freute sich der Heimatfreund. Seinen Angaben zufolge stellten die Unterlagen, die aus der Zeit zwischen 1837 und 1920 stammen, „einen wahren Sensationsfund“ dar.

Dokumente in einem Umfang von mehr als 1000 Seiten sind es nach ersten Schätzungen, die Ute Hanheide dem Heimatverein zur Verfügung stellte, darunter das Wahlgesetz für den Reichstag des Norddeutschen Bundes vom 31. Mai 1869, Rekrutierungs-Stammrollen aus den Jahren 1899, 1908 und 1912, Brotlisten für Fronturlauber von 1917, ein Gesinde-Dienstbuch aus dem Jahre 1837, Ausführungsbestimmungen für Schafhalter vom 20. September 1917.

Wie soll es weitergehen? „Unser Vorstand wird das Material zunächst sichten und nach verschiedenen Themenbereichen ordnen“, kündigte Wilfried Buddenbohm an.

Anschließend sollen die Dokumente unter anderem Stephanie Haberer vom Staatsarchiv Osnabrück vorgelegt werden, die den Heimatverein Neuenkirchen in der jüngeren Vergangenheit beim Aufbau eines Ortsarchivs unterstützte.

Mit der Einrichtung dieses Archivs war der Heimatverein einer Empfehlung des Heimatbundes Osnabrücker Landes (HBOL) nachgekommen, der die Archivpflege als ein wichtiges Anliegen einstuft und vor diesem Hintergrund im Jahre 2009 in Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv Osnabrück einen „Leitfaden für die Einrichtung von Kommunalarchiven“ herausgegeben hatte. „Das Archiv ist das Gedächtnis einer Gemeinde“, erklärte seinerzeit Archivrätin Haberer. Und damit es nicht zu „Gedächtnisstörungen“ komme, erscheine es sinnvoll, potenzielles Archivgut zunächst in Gänze zu sichern, um es zu einem späteren Zeitpunkt zu sichten und danach zumindest in Teilen einer Archivierung zuzuführen. Diesen Weg beschreitet der Heimatverein Neuenkirchen seither konsequent – mit Erfolg.

„Möglicherweise wird ein Teil der Unterlagen in den Bestand des Staatsarchivs überführt“, sagte Wilfried Buddenbohm weiter. Für ihn steht bereits heute fest: „Das Auswerten der Unterlagen dürfte sich als ein spannendes Unterfangen erweisen und möglicherweise neue Erkenntnisse zur Geschichte Neuenkirchens zutage bringen.“

Nach dem Fund der Dokumente im Hölscher-Haus geht der Heimatverein Neuenkirchen davon aus, dass sich in weiteren Gebäuden im Kirchspiel Neuenkirchen Aufzeichnungen und Schriftstücke aus längst vergangenen Zeiten befinden. „Wer beim Aufräumen oder einer Haushaltsauflösung auf solche Unterlagen stößt, sollte diese nicht der Entsorgung zuführen, sondern uns informieren“, machte Vorsitzender Wilfried Buddenbohm deutlich. Die betreffenden Bürger werden gebeten, sich unter der Telefonnummer 05428/929959 zu melden.


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