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Ein Herz für Schafe Hunde sollen Schafe vor dem Wolf schützen


Westerholz/Meppen. Der Wolf kehrt nach Niedersachsen zurück, und die meisten Menschen finden das gut. Aber eine kleine Bevölkerungsgruppe macht sich auch Sorgen: die Schäfer. Besuch bei einem, der den Wolf mithilfe eines engen Verwandten fernhalten will. Holger Benning aus Scheeßel-Westerholz nahe der Lüneburger Heide hält Herdenschutzhunde.

Und damit sind er und seine Lebensgefährtin Nicole De Peppe niedersachsenweit noch Exoten. Acht oder neun erwachsene Wölfe leben inzwischen im Bundesland im Nordwesten, einer davon vermutlich noch im Emsland , die meisten aber auf dem Truppenübungsplatz Munster bei Lüneburg. „Keine 30 Kilometer Luftlinie sind das von unseren Flächen bei Schneverdingen“, sagt Holger Benning „und deshalb haben wir seit ein paar Monaten die hier.“ Benning zeigt auf zwei Pyrenäen-Berghunde groß wie ein Zwergpony mit weißem und gerade etwas schmuddeligem Fell.

Alvarez und Basha sind keine Schoßhunde. Vor allem der mehr als 40 Kilogramm schwere Rüde Alvarez macht Fremden schnell deutlich, was seine Bestimmung ist: Er beschützt 50 Heidschnucken und ihre Lämmer – vor Wölfen, Hunden, Fremden. Tag und Nacht, das ganze Jahr. Wer sich dem Elektrozaun der Koppel nähert, wird aus tiefer Kehle dunkel angebellt, bis er geht. Einem Wolf können die beiden Hunde mehr als das Wasser reichen, einen Angriff auf ihre Herde würde er nicht unbedingt überleben.

Während Benning erzählt, dass er mehrere Hundert Schafe im Nebenberuf hält und plant, komplett auf Schafhaltung umzusteigen, spitzt Alvarez die Ohren und wuchtet los. Zwei Joggerinnen nähern sich auf dem Weg, der an der Schafweide vorbeiführt. Der Hund trabt auf seiner Seite des Zaunes neben ihnen her. Schnell merkt er, dass von den beiden Frauen keine Gefahr ausgeht, und trottet zurück.

Die beiden Pyrenäen-Berghunde hat das Schäferpaar erst vor einigen Wochen in Dienst gestellt, sie reagieren damit nach und nach auf die Ausbreitung des Wolfes in ihrer Gegend. „Wir besitzen mehrere Herden, die weit entfernt voneinander Heiden, Moore und Feuchtwiesen pflegen“, sagt Benning. Schon im vergangenen Jahr hatten sie zwei türkische Kangals angeschafft, die sich aber noch in der Ausbildung befinden und Besucher stürmisch abschlecken – jedenfalls Willkommene, Gäste ihres Chefs sozusagen.

„Das alles ist ein Wahnsinnsaufwand“, sagt Benning, der die Hunde jeden Tag kontrollieren und versorgen muss. „Und teuer. Aber so sind die Schafe gut geschützt. Wir sorgen lieber vor, als nach einem Riss eine Entschädigung zu bekommen. Das muss zwar sein, aber soweit soll es gar nicht erst kommen.“

Dass die Sorge nicht unberechtigt ist, haben die Biologinnen Gesa Kluth und Ilka Reinhardt vom Wildbiologischen Büro LUPUS in der Lausitz berichtet. Wölfe unterschieden nicht zwischen aus menschlicher Sicht „erlaubten“ und „unerlaubten“ Beutetieren, sagen sie. Schafe und Ziegen seien wegen ihrer geringen Körpergröße, ihres fehlenden Verteidigungs- vermögens und der oft extensiven Freilandhaltung gefährdet, machten aber in der Lausitz trotzdem weniger als ein Prozent der Wolfsnahrung aus.

„Den Aufwand, die Herde mit Hunden zu schützen, können die wenigsten Schäfer betreiben“, sagt derweil Olaf Buschmann. Der Oldenburger gehört zum Netz der ehrenamtlichen niedersächsischen Wolfsberater. Er setzt sich für ein friedliches Zusammenleben mit den Raubtieren ein und betreibt mit Holger Benning und anderen seit einigen Monaten im Internet einen Schäferinformationsdienst. Für Buschmann ist klar: Wenn überhaupt jemand ein Problem mit dem Wolf bekommen könnte, dann die Schäfer.

Er reist deshalb durch den Norden und berät Schafhalter, wie sie sich schützen können – auch ohne Hund. „Gut geeignet sind 1,10 Meter hohe Elektronetze“, sagt er. Der Wolf springe normalerweise nicht darüber, er versuche, Zäune zu untergraben. „Wenn da Strom drauf ist, verzieht er sich.“ Auch Strom führende Außenlitzen helfen.

Aber so einfach, wie es klingt, ist es nicht. Die meisten Schafkoppeln vor allem in der großflächigen Landschaftspflege sind nicht elektrisch eingezäunt, sondern mit einem kilometerlangen Knotengeflecht aus Metall – etwa im Dalum-Wietmarscher Moor im Emsland. Ihn nachträglich mit vertretbarem Aufwand gegen den Wolf zu schützen, ist für die wirtschaftlich ohnehin nicht auf Rosen gebetteten Schäfer kaum möglich. Buschmann leiht deshalb im Notfall Elektronetze und Weidezaungerät für eine kurze Zeit aus. Eine Dauerlösung sei das aber nicht, sagt er. Und, dass bisher ganz klar wildernde Hunde das weit größere Problem für die Schäfer seien.

Dennoch: 2012 hat ein Wolf im Landkreis Cuxhaven 19 Schafe ins Jenseits befördert, 2013 gab es bei Rotenburg/Wümme einen Zwischenfall mit drei toten Tieren. Gleichzeitig hat in der Lüneburger Heide ein wildernder Hund 99 Heidschnucken in einen Fluss getrieben, wo sie ertranken.

Ludwig Schmitz, stellvertretender Vorsitzender des Landesschafzuchtverbandes Weser-Ems aus Sögel, hält selbst Bentheimer Landschafe. Er sagt: „In Sachen Wolf schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Zum einen habe ich Hochachtung vor der Spezies Wolf, die es schafft, ihre ursprünglichen Gebiete zurückzuerobern. Aber ich mag mir den Anblick von gerissenen oder verletzten Schafen in meiner Herde nicht vorstellen. In einem solchen Fall würde ich wohl aufgeben.“ Diese Ankündigung hört man beim Schafzuchtverband immer wieder und fürchtet, gerade die Haltung seltener Schafrassen, die oft in kleinen Beständen geschehe, werde aufgegeben. Im Emsland gibt es derzeit rund 8700 Schafe.

„Vorsorge wichtig“

Schmitz fordert seine Standeskollegen auf, vorzusorgen: „Die Schafhalter sollten die Einzäunung der Weideflächen wolfssicher gestalten. Hierbei ist die Unterstützung der öffentlichen Hand aber dringend gefragt. Für Schafhalter ist dies allein nicht zu leisten.“

Der Landesschafzuchtverband fordert einen „vollständigen Kosten- und Aufwandsausgleich“ vom Land. Die Beweislast bei Übergriffen liege derzeit beim Tierhalter. Sie müsse umgekehrt und ein unkomplizierter Schadensausgleich möglich werden. Derzeit gebe es in Niedersachsen weder ein Management für Problemfälle noch eine konkrete Vorsorge- und Entschädigungsregelung, beklagt Schmitz.

Tatsächlich gewährt das Land bei Wolfsangriffen auf Nutztiere nur sogenannte Billigkeitsleistungen und keinen Schadensersatz. Die Höchstsumme liegt bei 7500 Euro pro Tierhalter in drei Jahren. Vorsorgeleistungen werden im Gegensatz zu anderen Bundesländern nicht bezahlt – man arbeite seit Jahren an einer entsprechenden Richtlinie, heißt es.

Ob der Emslandwolf noch im Lande ist, weiß derweil niemand genau (wir berichteten). Nachweise gab es seit dem 31. März nicht mehr. Holger Benning muss sich bei seinen Schafen in der Nähe der Lüneburger Heide nicht auf Vermutungen verlassen. Er weiß, dass in seiner Gegend Wölfe leben. Gerade erst hat ein Mitarbeiter auf dem Truppenübungsplatz Munster drei Wolfswelpen gefilmt – auch sie werden irgendwann auf Wanderschaft gehen und vielleicht im Emsland.


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