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Aus derGeschichte jüdischer Mitbürger Quakenbrück: Auf der Spur der „Stolpersteine“

Von Heiko Bockstiegel


Quakenbrück. Die Verlegung der ersten „Stolpersteine gegen das Vergessen“ im Quakenbrücker Innenstadtgebiet (wir berichteten) bewegt viele Gemüter. Sie ist auch Anlass dazu, sich wieder eingehender mit der Geschichte und den Schicksalen der einstigen jüdischen Mitbürger zu befassen. Wir sind der Spur der Steine gefolgt.

Die ursprünglich seit 1816 in Badbergen ansässige Synagogengemeinde, deren Mitglieder im gesamten Kreis Bersenbrück mit Ausnahme von Fürstenau lebten, wuchs kontinuierlich und erreichte 1926 mit über 50 Juden ihren Höhepunkt. Ende des 19. Jahrhunderts verlagerte sich der Schwerpunkt der jüdischen Gemeinde nach Quakenbrück, wo bereits 1847 die ersten jüdischen Einwohner lebten. 1897 errichtete die Gemeinde eine Synagoge an der Kreuzstraße. Neben dem Gebetsraum barg dieser schlichte Backsteinbau einen Schulraum und eine kleine Wohnung für die Familie des Kantors und Lehrers. Zwischen 1923 und 1925 entstand außerdem ein jüdischer Friedhof am Steimelager Weg, auf dem noch heute Grabstätten einstiger jüdischer Mitbürger zu finden sind.

1933 lebten 46 Juden in Quakenbrück, die überwiegend Handelsgeschäften nachgingen und in zahlreichen Vereinen tätig waren. Neben dem Verein ehemaliger jüdischer Frontsoldaten existierte auch ein jüdischer Frauenverein. Ab 1935 aber wurden die jüdischen Einwohner auch hier plötzlich zu „Menschen minderer Klasse“ degradiert. Der schreckliche Höhepunkt des Hasses kam in den Morgenstunden des 10. November 1938, als im Zuge der „Reichspogromnacht“ auch die Quakenbrücker Synagoge in Brand gesteckt wurde.

Ursula Rosenfeld, geborene Simon, damals Schülerin der gegenüber der Synagoge gelegenen Höheren Mädchenschule, hat diese schreckliche Zeit in ihren Lebenserinnerungen festgehalten und darüber auch in dem mit einem Oscar prämierten Dokumentarfilm „Kindertransport“ berichtet. Sie kam mit ihrer Schwester Hella über ein Hamburger Kinderheim nach England, wo sie heute noch lebt.

Bis 1936 wanderten viele Quakenbrücker Juden nach Südafrika, Palästina und in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. 1940 hatten alle Juden Quakenbrück unfreiwillig verlassen. Einige konnten nach Belgien flüchten, andere kamen bei Verwandten im Ruhrgebiet oder in Berlin unter, wo sie 1942 von der „Endlösung“ erfasst wurden.

Die Quakenbrückerin Renate Rengermann befasst sich auf der Grundlage bereits vorhandener Forschungsergebnisse seit mehreren Jahren intensiv mit den jüdischen Familien der Stadt und ihren Schicksalen. Sie hat mit überlebenden Juden in aller Welt und mit deren Nachkommen freundschaftliche Kontakte geknüpft und konnte darüber im Rahmen der Stolpersteinverlegung berichten.

Die in der vergangenen Woche vom Kölner Künstler Gunter Demnig verlegten ersten „Stolpersteine“ enthalten die Namen und Fakten von Walter, Selma und Resi Neublum (ehemalige Synagoge, Kreuzstraße), Ernst, Anna und Gitella Beer (Wilhelmstraße 13), Julia Kaufmann (Wilhelmstraße 14), Lina und Sigmund Simon sowie Else und Betty Gerson (Hasestraße 6), Oskar, Alice und Ruth Simon (St.-AntoniOrt 21), Johanna Kronenberg (Lange Straße 22) und von Leopold, Erna, Hella und Ursula Simon (Lange Straße 84/Farwicker Straße).


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