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Urteil am Mittwoch Staatsanwalt im Missbrauchsprozess vor dem Landgericht Osnabrück: Enkelinnen haben „erheblich gelitten“

Von Henning Müller-Detert

Das Landgericht Osnabrück Foto: dpaDas Landgericht Osnabrück Foto: dpa

Osnabrück/Bramsche. Die Staatsanwaltschaft fordert eine viereinhalbjährige Haftstrafe, die Verteidigung Freispruch. Im Prozess gegen einen 64-jährigen Bramscher wegen schweren sexuellen Missbrauchs gingen die Meinungen am Ende weit auseinander. Die Verteidigung warf dem Vertreter der Anklage eine „Stigmatisierung“ ihres Mandanten vor.

Am vierten Verhandlungstag wurde neben den Plädoyers das Gutachten eines Facharztes zur Glaubwürdigkeit der mutmaßlichen Opfer gehört. Der Grundtenor des Facharztes: Die Vorwürfe der Mädchen – sie sollen zwischen 2003 und 2010 von ihrem Großvater zahlreiche Male sexuell missbraucht worden sein – seien „erlebnisbasiert“. Auszuschließen seien Fantasie- und Suggestionshypothesen. Vereinfacht gesagt bedeuten diese beiden Begriffe, dass sich Menschen ein Geschehen ausdenken oder von außen eingetrichtert bekommen.

Auf diese Aussagen stützten sich Staatsanwaltschaft und Nebenklägervertreterin in ihren Plädoyers, wobei der Vertreter der Anklage auch den im Prozess zur Sprache gekommenen möglichen Missbrauch der Töchter des Angeklagten aufgriff. Insbesondere diese Vorgehensweise kritisierte die Verteidigung: Die Staatsanwaltschaft stelle diese Vorwürfe einfach als Fakt dar. So werde „emotionalisiert und stigmatisiert“. Der Rechtsanwalt beklagte zudem, dass kaum nachvollziehbar geworden sei, wann und wie genau die Vorfälle stattgefunden hätten, dennoch würden die Aussagen der Zeuginnen umgehend als schlüssig bewertet: „Es verwundert sicher nicht, dass ich Freispruch beantrage.“

Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor hingegen eine viereinhalbjährige Haftstrafe gefordert. Der Vertreter der Anklage zeichnete die jeweiligen Tatvorwürfe und die Folgen für die drei Enkelinnen nach, die „erheblich“ unter den Vorfällen litten. Die Nebenklägervertreterin stellte keinen konkreten Antrag und befasste sich vorwiegend damit, wie das „Familiengeheimnis“ enthüllt worden sei. Die Rechtsanwältin widersprach der Darstellung, dass das Gerichtsverfahren ein „Komplott“ sei. Dabei verwies sie auf die älteste Tochter des Angeklagten: Diese habe ausgesagt, dass sie ihre „Hand ins Feuer“ gelegt hätte, dass ihr Vater nicht auch die Enkelkinder sexuell missbrauche. Der Kommentar der Nebenklägervertreterin: „Sie hätte sich ziemlich verbrannt.“

Das Urteil wird heute um 10.30 Uhr verkündet.