zuletzt aktualisiert vor

Leichtes Opfer für miese Touren Lux-Vertreter verkauft dementer Seniorin aus Glandorf Staubsauger für 1000 Euro

Meine Nachrichten

Um das Thema Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

<em>Auch eine Methode,</em> unerwünschte Besuche abzuwehren. Foto: ImagoAuch eine Methode, unerwünschte Besuche abzuwehren. Foto: Imago

Glandorf/Osnabrück. Martha Rakers (Name geändert) öffnet die Wohnungstür, lädt an ihren Gartentisch ein und bietet ein Glas Wasser an. Dass die alte Dame 88 Jahre alt ist, spürt man zunächst nicht. Körperlich scheint sie gut beieinander. Doch nach wenigen Sätzen wird klar: Die Glandorferin leidet an starker Demenz. Einen Vertreter hielt das nicht davon ab, ihr für 1000 Euro einen Staubsauger zu verkaufen – den sie nicht braucht.

Als am 18. November vergangenen Jahres ein Vertreter der Firma Lux vor ihrer Tür stand, hat Martha Rakers offenbar auch diesen hereingebeten. Erinnern kann sie sich daran nicht. Auch nicht daran, einen Kaufvertrag unterschrieben und ihre Kontodaten preisgegeben zu haben. Und erst recht nicht daran, einer anderen Lux-Vertreterin ihren abgelaufenen Reisepass mitgegeben zu haben, darin ihre Geburtsurkunde und ein DLRG-Ausweis.

Als einige Wochen nach dem ersten Vertreterbesuch ein Paket vor ihrer Wohnungstür stand, rief sie Hilfe suchend ihren Neffen an. Norbert Linnemann fand einen Staubsauger vor der Tür, den Lux Intelligence mit Powerlux. Dabei hat Martha Rakers ein ein Jahr altes funktionierendes Exemplar im Schrank – der Marke Lux.

Nur Bandansagen

Linnemann versuchte, den Kauf zu stornieren, und schickte den neuen Sauger auf eigene Kosten an die Firma zurück. Vergebens. Die zweiwöchige Widerrufsfrist für Haustürgeschäfte sei abgelaufen. Da sich seine Tante aber nicht an den Kauf erinnerte – deshalb auch niemandem davon erzählen konnte –, und das Gerät erst vier Wochen nach dem Kauf geliefert wurde, konnte Linnemann nicht früher eingreifen. Bei seinen Versuchen, die Lux-Zentrale in Fulda telefonisch zu erreichen, hörte er nur Bandansagen.

Erfolgreich war erst der Trick, eine etwas abweichende Nummer zu wählen. Sein Argument, seine Tante sei dement, ließ Kundenbetreuerin Frauke Modrey kalt. Das Attest des Hausarztes über die Demenz? Für sie irrelevant. Dabei ist die Diagnose deutlich: „Hirnsubstanzminderung, Hirnleistungsschwäche mit Störung im Kurzzeitgedächtnis, Demenz.“ Für Lux kein Grund, den Vertrag zu stornieren.

Auch Rechtsanwältin Jolanta Schürmeyer setzte ihre Schriftsätze vergebens auf. „Aus juristischer Sicht hätten wir die Geschäftsunfähigkeit unserer Mandantin durch ein psychiatrisches Gutachten nachweisen müssen. Das haben wir aufgrund des Kostenrisikos nicht gemacht“, so die Osnabrücker Juristin. Martha Rakers hat keine Rechtsschutzversicherung. Schürmeyer sagt: „Das Problem ist das Menschliche. Ich habe den Eindruck, dass Lux bewusst ältere Menschen auswählt, weil diese häufig hilfloser oder gar dement sind.“ Lux ließ sich schließlich lediglich darauf ein, den Staubsauger gegen eine Abstandszahlung von 600 Euro nicht zu liefern. Damit ihr so etwas nicht noch einmal passiert, erhält Martha Rakers jetzt eine rechtliche Betreuerin.

Rainer Demand, Lux-Vertriebsleiter in Osnabrück, erklärte zum Verkauf des Staubsaugers, es handele sich um einen langjährigen Verkäufer, „eigentlich auch“ um einen seriösen Verkäufer. „Aber natürlich verkauft er auch gerne.“ Der Vertreter habe ihm erklärt, dass das Gerät nicht für Frau Rakers, sondern ihre Hilfe gekauft worden sei. „Frau ... hat ihr das Gerät geschenkt. Beide waren ziemlich begeistert von dem Gerät.“ Ähnlich äußert sich Frauke Modrey in der Lux-Zentrale in Fulda in einer Stellungnahme. Fragen will man dort jedoch nicht beantworten.

Vertriebsleiter Demand erklärt zumindest: Über den Vorwurf, die demente alte Dame überrumpelt zu haben, sei der Vertreter entsetzt. „Er kennt sie seit Jahren.“ Warum der Vertreter dann nicht bemerkt habe, dass Frau Rakers dement sei? Davon habe ihm der Vertreter nichts gesagt. Und überhaupt, so Demand: „Darf die dann nichts kaufen?“

Die Haushaltshilfe von Martha Rakers versichert, nur zu Beginn des Vertreterbesuchs dabei gewesen zu sein und den Kauf eines neuen Staubsaugers auf keinen Fall befürwortet zu haben. In den Schriftsätzen der Firmenanwälte mit Martha Rakers’ Neffe war davon auch nie die Rede gewesen.

Doch die Geschichte geht weiter: Schon bald klingelte eine weitere Lux-Vertreterin an Martha Rakers’ Tür. Was dann geschah, weiß nur die Vertreterin. Martha Rakers weiß es nicht mehr. Fest steht nur, dass die Frau irgendwann wieder vor ihrer Tür stand – obwohl Rakers’ Neffe ein Hausverbot gegen sie erwirkt hatte, von dieser per Unterschrift bestätigt.

Bei diesem, mindestens dem zweiten Besuch wollte die Vertreterin Rakers’ abgelaufenen Reisepass und die Geburtsurkunde zurückbringen. Wozu sie sie mitgenommen hatte? Niemand weiß es, und die Vertreterin schweigt.

Bei den Verbraucherzentralen sei Lux bisher nicht aufgefallen, sagt Gabriele Peters von der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Anders sieht es im Internet aus. Hier finden sich dutzendfach Schreiben überrumpelter Kunden – vor allem aber der Kinder dieser Kunden. Da habe sich ein angeblicher Lieferschein für ein Testgerät als Kaufvertrag entpuppt. Bei einer kostenlos angebotenen Inspektion sei der Motor eines Staubsaugers, der ein paar Stunden zuvor seinen Dreck vernichtenden Dienst einwandfrei versehen hatte, plötzlich kaputt gewesen, eine Reparatur viel zu teuer. Ruck, zuck sei die Kontonummer einer 89 Jahre alten dementen Dame erfragt und 1400 Euro abgebucht worden.

Aus dem Staub gemacht

Ein vorgeblich kaputter Motor sei auch in einem anderen Fall Grund für das Angebot eines Vorführgeräts gewesen. „Ich sagte, ich wolle es mir überlegen. Daraufhin schnappte sich der Vertreter mein Gerät in einem unbeobachteten Moment und machte sich damit fluchtartig aus dem Staub. Als ich ihn auf seinem Handy anrief, behauptete er, ich hätte mündlich einem Kauf eines Vorführgerätes zugestimmt. Deswegen habe er mein Gerät mitgenommen; es sei bereits entsorgt.“ Einer 87-Jährigen habe ein Lux-Vertreter einen Dampfreiniger verkaufen wollen, den die gebrechliche Seniorin nicht anheben konnte. Auch beliebt: ein Anruf mit der freudigen Nachricht eines Gewinns. Statt des Gewinns komme dann ein Lux-Vertreter mit einem Staubsauger, der dringend vorgeführt werden müsse.

Für Ärger sorgte auch dieser Verkauf: „Ein Vertreter von Lux hat meiner Mutter einen Staubsauger für 1637 Euro verkauft. Was mich wütend macht, meine Mutter ist 89 und erkennbar dement. Ich wohne in der gleichen Wohnung und habe von dem Deal nichts mitbekommen (kein Auftrag, keine Auftragsbestätigung), meine Mutter weiß natürlich von nichts. Der Vertreter hat ganze Arbeit geleistet. Keine Spur war im Haus zu entdecken (Verpackungsmaterial, Prospekte). Der ,Neue‘ war sorgfältig im Schrank verstaut. Der ,Alte‘, ebenfalls Lux, ist natürlich spurlos verschwunden.“

Lux, ein Unternehmen mit Hauptsitz im schweizerischen Zug, wirbt auf seiner Internetseite übrigens mit seinem Engagement für SOS-Kinderdörfer.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN