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Jugendchor löst sich auf Musikalisches Merzen ist nun um 27 Stimmen ärmer


Merzen. Der Chor der Jugend Merzen ’85 ist Geschichte: Die Christmette an Heiligabend war der offiziell letzte Termin für die27 Sängerinnen und Sänger. Mit reichlich Applaus sind sie darin verabschiedet worden. Was bleibt, ist die Erinnerung an die vielen Auftritte und Konzerte, die den Jugendchor in 27 Jahren weit über die Ortsgrenzen Merzens hinaus bekannt machten.

Schon bei der Probe zwei Tage zuvor im Pfarrheim hängt etwas Wehmut in der Luft. „Ja, nach diesem Auftritt gibt es uns nicht mehr“, sagt Jürgen von der Haar. Der 33-Jährige leitet den Jugendchor seit inzwischen 14 Jahren und damit ein Jahr länger als sein Vorgänger. August Mertens, der langjährige Organist der Kirchengemeinde St. Lambertus, gehörte im März 1985 zu denjenigen, die den Chor aus der Taufe hoben. 13 Jahre lang formte Mertens die Stimmen der Heranwachsenden zu einem harmonischen Ganzen, deren Zahl in guten Zeiten durchaus zwischen 50 und 100 schwankte.

Das ist lange vorbei. Am Tage des letzten Auftritts stehen nur noch 27 Sänger auf dem Orgelboden. Chorgesang zählt heute offenbar nicht unbedingt zu den gefragtesten Freizeitbeschäftigungen der Jugendlichen. Vielleicht auch, weil viele Heranwachsende eine falsche Vorstellung von Chorgesang haben: Klassisch-kirchliche Texte gehören zwar auch zum Repertoire, aber der Merzener Jugendchor ist ein Beispiel dafür, dass ein Chor neue – weltliche – Akzente setzen kann. Akzente, die ankommen.

Unter Jürgen von der Haar, der Klavier und Gitarre spielt, vollzieht der Chor eine Wandlung, der Merzener bringt „frischen Wind“ in die Gemeinschaft, schafft den Spagat zwischen Tradition und Moderne. Plötzlich singen die Mitglieder Gospels, Spirituals oder Musicals, zum 15-jährigen Bestehen überraschen sie die Zuhörer mit einer „Body & Soul“-Messe, die sogar als CD erscheint. Zum 25. Geburtstag studiert der Jugendchor erneut eine Gospelmesse ein, die den Titel „Spiel des Lebens“ trägt. Vor dem Altar in der St.-Lambertus-Kirche setzen die Sänger ein Pokerspiel in Szene. Zuvor drücken sie den Besuchern Jetons in die Hand mit der Bitte, doch einmal darüber nachzudenken, was sie für ein erfülltes Leben riskieren würden.

Und es gibt noch mehr „schöne Erinnerungen“: Dazu zählen Jürgen von der Haar und Vorsitzende Anika Haarannen das ausverkaufte Filmmusik-Konzert in Bersenbrück und im Kulturbahnhof Neuenkirchen. Auf einer Großbildleinwand zeigt der Chor Ausschnitte aus bekannten Kinofilmen und präsentiert dazu mit einem Orchester Songs und Soundtracks. Hinterher ist der Beifall riesengroß. Wenn Haarannen und von der Haar an die aufwendigen Proben für diese zweistündigen Auftritte denken, müssen sie nachträglich noch schmunzeln. „Das Schwierigste ist manchmal doch ganz einfach.“ Mehr als eine schlaflose Nacht habe er während der Vorbereitung gehabt, gibt der 33-Jährige zu.

Nicht so ganz einfach gestaltet sich dagegen die Suche nach jungen Stimmen, die für jeden Chor die Zukunft sind. In den letzten Jahren kommen kaum neue Sänger dazu. „Vielleicht haben viele gedacht, dass wir eine eingeschworene Gemeinschaft sind“, merkt der Chorleiter selbstkritisch an. Vielleicht hätte der Chor auch eine andere Taktik fahren müssen, meint er.

So kommt es, dass die Sänger gemeinsam älter werden. Die Mitglieder des Jugendchores sind heute zwischen 16 und 36 Jahre alt. Nach und nach zieht es den einen oder anderen fort aus Merzen: Studium, Beruf, Familie – die Zahl der Sänger schrumpft, das wöchentliche Proben ist kaum noch zu organisieren. „Mit fünf, sechs Leuten ist das nicht möglich.“

Auch Jürgen von der Haar zieht es in die Ferne. Er arbeitet seit Juli als Mediengestalter in Köln, die Besuche in der Heimat weder seltener, an regelmäßige Probenarbeit ist nicht mehr zu denken. Mit einem „lachenden und einem weinenden Auge“ entschließt er sich, die Chorleitung abzugeben. Eine Ankündigung, die die Sänger schließlich zum Anlass nehmen, einen Schlussstrich unter eine 27-jährige Geschichte zu ziehen.

„Das ist schon ein komisches Gefühl“, gibt Anika Haarannen zu, die seit 2005 Vorsitzende ist. Doch die vielen Freundschaften, die sich im Laufe der Jahre entwickelt hätten, hätten auch ohne Chor weiter Bestand. „Und wenn einer von uns heiratet, bringt der Chor ihm natürlich ein Ständchen.“

Überhaupt die Gemeinschaft sei es gewesen, die alle stets genossen hätten. „Und den Spaß, den wir hatten, wenn wir ein neues Lied einstudierten“, so von der Haar. Wenn jeder Sänger merke, wie er mit seiner eigenen Stimme zu einem großen Ganzen beitrage. „Das ist immer wie ein kleiner Zauber.“

So endet die Geschichte des Chores der Jugend nun in der Christmette an Heiligabend – mit fünf (weihnachtlichen) Liedern. Pfarrer Stephan Höne bedankt sich in der Predigt für die vielen Konzerte und Gottesdienste, die der Chor der Jugend mitgestaltet hatte. „Ihr seid ein Geschenk gewesen“, sagt er. Und bevor er die Sänger zu sich nach unten bittet, steigt Höne spontan selbst auf den Orgelboden hinauf, mit einem Geschenk für den Chorleiter und um den Chor zu einem gemeinsamen Essen einzuladen.

Jürgen von der Haar nutzt die Gelegenheit, allen zu danken, die den Chor in 27 Jahren mit Zuspruch und Hilfe unterstützt hätten. Sein Wunsch: Auch wenn es den Chor der Jugend in dieser Form nicht mehr geben werde, so könne dieses Ende doch Anlass für einen musikalischen Neuanfang sein – in welcher Form auch immer. Das wünsche er sich.

Mit „Stille Nacht, Heilige Nacht“ stimmt der Chor der Jugend das letzte Lied in der Christmette an. Ja, es wird stiller werden in Merzen.


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