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Vom winzigen Küken zum Weihnachtsbraten

Bis zu 25 Kilo schwer können die ausgewachsenen Puter werden. Hier präsentiert Heike Strahle das bratfertige Geflügel.Bis zu 25 Kilo schwer können die ausgewachsenen Puter werden. Hier präsentiert Heike Strahle das bratfertige Geflügel.

„Keine Angst, die laufen nicht raus!“ Heike Strahle öffnet weit das große Tor zum geräumigen Stall, wo sich Hunderte Puter (die männlichen Puten) tummeln. Und tatsächlich: Die Tiere drängen zwar neugierig bis nach vorne zur Tür, setzen aber keinen Fuß aus dem dick mit Stroh eingestreuten Bereich hinaus in die weitläufige Hofanlage des Putenhofs Strahle in Epe, den Heike Strahle und ihre Mutter Annegret Strahle gemeinsam führen.

Wer noch keinen Puter – synonym auch als „Truthahn“ bezeichnet – gesehen hat, dürfte beim ersten Anblick kaum seinen Augen trauen: Sobald sie sich aufregen, plustern sie ihr üppiges Federkleid auf, und ihr Kopf läuft in Violett- und Blautönen farbenprächtig an. Der Hals dagegen wird – im wahrsten Sinne des Wortes – puterrot.

Strahles besetzen in der Putenhaltung eine Nische: Von der Kükenaufzucht bis zur Vermarktung des Fleisches laufen alle Prozesse auf dem eigenen Hof ab: Gekauft werden Eintagsküken aus einer Brüterei; sie werden aufgezogen und schließlich direkt auf dem Hof geschlachtet.

„Das Schönste an der Putenhaltung ist es zu sehen wie die Küken heranwachsen, wie sie in der Halle rennen und ihre ersten Flugversuche unternehmen.“ Die engagierte junge Landwirtin betrachtet die etwa 2000 gerade zehn Tage alten Küken, die im Aufzuchtstall auf der Außenstelle am Renzenbrink lebhaft durch das helle Sägemehl tollen. In ihren ersten Lebenswochen benötigen sie neben Futter und Wasser, das ihnen in Glocken immer zur Verfügung steht, besonders auch die Möglichkeit sich aufzuwärmen. Hierfür hängen in regelmäßigen Abständen von der Decke viele Heizstrahler, die Wärmepunkte auf dem Boden erzeugen.

Alle drei Wochen werden die gerade einmal 50 Gramm schweren Eintagsküken von verschiedenen Brütereien im Oldenburger Land geliefert, sodass immer unterschiedliche Altersklassen vertreten sind. Alle zwei Stunden schaut Annegret Strahle, die für die Intensivbetreuung der jungen Küken zuständig ist, nach dem Rechten: Sind sie aufmerksam und munter? Kommen sie mit der Futter- und der Wasseranlage zurecht? Ist die Einstreu sauber und luftig? Neben einem optimalen Stallklima ist die Hygiene von größter Bedeutung für die Geflügelaufzucht: Es sei ein reines Gerücht, dass an Mastgeflügel Antibiotika und weitere Arzneimittel verfüttert würden. Stattdessen werde das Ausbrechen von Krankheiten durch penibelste Sauberkeit im Stall verhindert, versichert Strahle.

Durch optimierte Haltungs- und bedarfsgerechte Fütterungsbedingungen können die Besuche des auf Puten spezialisierten Tierarztes auf ein Minimum reduziert werden: Die Küken benötigen viel Calcium, Mineralien und Eiweiß, damit sie ein stabiles Skelett entwickeln. Später ändert sich der Futterbedarf: Kurz vor der Schlachtung benötigen die Tiere in erster Linie Kohlenhydrate und Fett für die gesunde Bildung von Muskelmasse.

Nach der pflegeintensiven Phase im Aufzuchtstall werden die mit etwa vier Wochen durchgefiederten Jungvögel in die Mastställe gebracht. Hierbei handelt es sich um Außenklimaställe, deren Seitenwände durch großzügige Jalousien geöffnet werden können, sodass Sonnenlicht und Frischluft je nach Witterung zur Verfügung stehen. Statt mit Sägespänen wird hier mit Stroh von den eigenen Flächen eingestreut. Wichtig ist aber auch im Maststall die Stallhygiene: Das Stroh muss immer frisch und sauber sein, damit sich die Tiere wohlfühlen und Krankheitserreger keine Chance bekommen.

Die schlachtreifen Tiere gelangen zu Fuß von der Masthalle in einen benachbarten Ruhebereich. Wichtig ist, dass jeglicher Stress vor der Schlachtung vermieden wird. Heike Strahle erklärt, dass dies nicht allein aus ethischen Gesichtspunkten gilt: „Wenn die Tiere Angst haben oder sich aufregen, kommt es durch Adrenalinausschüttung zur Freisetzung von Lactose in die Muskeln und dadurch zur Versauerung.“ Diese kann dem Fleisch einen unangenehmen Beigeschmack geben, es aber auch schneller verderblich machen. Immer ist ein Tierarzt anwesend, der die Schlachttauglichkeit untersucht.

Die Schlachtung selbst erfolgt in einem abgedunkelten Raum, der den Tieren das Gefühl gibt, es sei Nacht, und sie dadurch schläfrig macht. Ganz ruhig erfolgt zunächst die Betäubung jedes einzelnen Tieres durch einen kurzen Stromschlag – ebenfalls unter tierärztlicher Aufsicht – und anschließend die eigentliche Schlachtung.

In der hofeigenen Fleischerei werden die bratfertigen Puten schließlich zerlegt, sodass das frische Fleisch direkt in die Kühlung hinter dem Hofladen oder in die Weiterverarbeitung zu Wurst, Aufschnitt oder auch in die Räucherei gelangt.

Insbesondere in der Vorweihnachtszeit kommen viele Kunden in den Hofladen, um ihren Weihnachtsbraten auszuwählen: Gern erinnert sich Heike Strahle an einen besonders treuen Kunden, der im vergangenen Jahr erklärte, dies sei nun schon die 40. Weihnachtspute, die er vom Hof Strahle kaufe.


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