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Neue Konzepte für das Leben Gehrde: Dr. Martin Espenhorst möchte Wissenschaft und Heimatarbeit zusammenbringen

Von Anja Polaszewski

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Will auf die Verbindung zwischen Wissenschaft und Heimatarbeit, Berufstätigkeit und Ehrenamt hinweisen: Dr. Martin Espenhorst aus Gehrde-Helle. Foto: Anja PolaszewskiWill auf die Verbindung zwischen Wissenschaft und Heimatarbeit, Berufstätigkeit und Ehrenamt hinweisen: Dr. Martin Espenhorst aus Gehrde-Helle. Foto: Anja Polaszewski

Gehrde. „Seit fünf Jahren lebe ich jetzt im Artland und bin von Natur und Mensch begeistert“, schwärmt Dr. Martin Espenhorst. Früher hieß der Vorstand des Kreisheimatbundes Bersenbrück (KHBB) und Geschichtswissenschaftler einmal Peters. Wie kam es zur Namensänderung? „Ich habe meine Frau beim Studium in Marburg kennengelernt. Ihrer Familie gehört der Hof Espenhorst.“ Er fährt sich mit der Hand durchs dichte Haar. Dann ergänzt er: „Da weder sie meinen noch ich ihren Namen annehmen wollte, haben wir uns nach altem Brauch für Espenhorst entschieden.“

Der Hof in Gehrde ist beeindruckend, das Fachwerkhaus großräumig und einladend. In der Diele steht eine Tischtennisplatte. „Mein Sohn Jasper spielt – und das sogar sehr gut“, erklärt Martin Espenhorst nicht ganz ohne Stolz. Alte Möbel, minimalistischer Landstil und moderne Gegenstände runden das Bild wohnlicher Gemütlichkeit ab. Antike und Moderne zusammen unter einem Dach also.

Der Gedanke, Alt und Jung zusammenzufassen, lässt sich laut Dr. Espenhorst auch auf die Heimatarbeit übertragen. „Ich finde, man sollte sie weiter fördern, denn sie ist wichtig auch für das zukünftige Leben im Artland. Ich rede viel mit jungen Artländern, die sich immer häufiger vorstellen können, nach der beruflichen Ausbildung in ihrer Heimat Fuß zu fassen, dort also zu leben, Familie zu gründen und zu arbeiten. Eigentlich hört man immer das Umgekehrte: Die Jugend zieht in die Stadt und bleibt dann dort. Das Artland bildet hier eine Ausnahme: Es bietet sehr viel Raum und Chancen für junge Menschen.“

In Martin Espenhorsts Arbeitszimmer stehen hohe Regale voll mit mehr oder weniger dicken Wälzern, allesamt Fachbücher. Einen großen Teil davon hat der 46-Jährige selbst verfasst – oder zumindest darin publiziert. Die Themen stammen vor allem aus den Bereichen Geschichtswissenschaft und Literatur.

Seinen Arbeitsplatz hat der fast zwei Meter große Mann neben Hof Espenhorst vor allem in Mainz: am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte. Seit 2009 ist er dort Koordinator des Verbundprojektes „Übersetzungsleistungen von Diplomatie und Medien im vormodernen Friedensprozess. Europa 1450-1789“. An diesem Projekt nehmen neben seinem auch ein Augsburger Institut sowie die Staatsgalerie Stuttgart teil. Als Mit-Projektleiter steht er einer fünf-köpfigen, internationalen Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern aus Mainz, Frankfurt am Main, Sofia und Paris vor.

Ende 2011 und im frisch angebrochenen Jahr hat der Wissenschaftler wieder fleißig veröffentlicht. Bis Sommer werden weitere Sammelbände unter seiner Regie erscheinen, unter anderem die Aufsatzsammlung des Frühneuzeithistorikers Heinz Duchhardt, „Frieden im Europa der Vormoderne“, der Tagungsband „Schlözer in Europa“ und der Aufsatzband „Frieden durch Sprache?“.

Martin Espenhorst interessiert sich besonders für das Thema Frieden – ob nun für den Pyrenäenfrieden (1649) oder den von Passarowitz (1718). Und aktuell begeistert ihn besonders der Prager Frieden (1635). „Ich finde es schade, dass häufig Begriffe fallen wie ‚Ost-West-Konflikt‘ oder ‚Nahost-Krieg‘, nie aber solche wie beispielsweise ‚Ost-West-Frieden‘. Schlachten werden auf Karten mit Säbeln markiert, nicht aber Friedensräume.“ Dr. Espenhorst schaut ernst, nippt nachdenklich an seinem Kaffee. „Der Mensch sollte sich vielmehr mit der Frage auseinandersetzen, wie man eigentlich Frieden herstellt.“

Auf den ersten Blick mögen all diese Themen abstrakt erscheinen, sind aber „durchaus interessant. Ich möchte auch auf die Vorteile der Verbindung zwischen (Kultur-)Wissenschaft und Heimatarbeit auf der einen sowie Berufstätigkeit und Ehrenamt auf der anderen Seite aufmerksam machen. Denn Ehrenamt lohnt sich heute immer noch, auch, wenn man anders darüber denken mag. Ich möchte Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Heimatvereinen aufzeigen und Mut zu flexiblen Familien- und Lebenskonzepten machen. Immerhin lebe ich ja selbst eines.“

Er beugt sich vor, rückt die runde Brille zurecht – ganz so, als wolle er noch etwas sagen. Dann klingelt es an der Tür. Es ist ein Kollege vom KHBB. Wir müssen Schluss machen mit unserem Gespräch, die Heimatarbeit ruft.


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