Auf höherem Niveau ... Eine echte Plackerei - Vortrag über Plaggenwirtschaft in Rulle

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Der emeritierte Bodenkundler Klaus Mueller beleuchtete im Ruller Haus die Plaggenwirtschaft. Foto: ImeyerDer emeritierte Bodenkundler Klaus Mueller beleuchtete im Ruller Haus die Plaggenwirtschaft. Foto: Imeyer

Wallenhorst. Esch, Mühlenheide und Plaggenweg – Diese Straßennamen weisen auf die in der Region lange Zeit übliche Art der Feldbewirtschaftung hin: das Plaggenstechen. Das war nicht nur echte Plackerei für die Bauern, sondern in seiner Intensität auch wohl weltweit einmalig. Ein Vortrag des Bodenkundlers Klaus Mueller im Ruller Haus beleuchtete ein fast vergessenes Kapitel der Landwirtschaftsproduktion.

Den nordwestdeutschen Sandböden etwas abzutrotzen, war für den Bauern des Mittelalters schwierig genug. Mit der wachsenden Bevölkerung ab dem zehnten Jahrhundert – ausgelöst durch eine (jahrhundertelange) Warmphase und relativ stabile politische Verhältnisse – gab es aber zugleich ein Problem: Wie sollten mehr Menschen von den eher unfruchtbaren Sandböden ernährt werden?

Die Bauern in der Region lösten das Problem, indem sie eine, seit der Bronzezeit bekannte, aber mühevolle Arbeitsweise (wieder) einführten.

Der „ewige Roggen“

Aus Gras- und Heideflächen sowie Waldböden stachen sie bis zu 20 Zentimeter tiefe Grassoden (Plaggen). Sie wurden in die Ställe zum Einstreu gebracht, erklärte Klaus Mueller. „Nachdem die Plaggen mit tierischen Exkrementen vollgesogen waren, kompostierte man die Masse und vermischte es zusätzlich mit Hausabfällen und Steinkohle.“ Diesen Dünger brachten die Bauern auf die Sandböden der Felder. Geerntet wurde der „ewige Roggen“, den man – anders als bei Drei-Felder-Wirtschaft mit Fruchtfolge – Jahr für Jahr anpflanzte, so Mueller.

Echte Plackerei

Das Abstechen der Plaggen war im Wortsinn Plackerei. Mit verschiedenen Geräten wie speziellen Sensen und dem sogenannten Osnabrücker Spaten etwa, schälte man die Grassoden ab. Geschätzte 90 Tonnen der Plaggen brauchte es pro Hektar und Jahr für die Düngung, berichtete der Bodenkundler. Ein Tag in der Arbeitswoche ging allein für die Plaggenproduktion drauf, auf großen Höfen war mindestens eine Person ausschließlich dafür zuständig. Streitigkeiten blieben nicht aus. Selbst Gerichte mussten sich immer wieder mit Delikten wie der unberechtigten Plaggenentnahme oder dem Plaggendiebstahl beschäftigen.

Auf höherem Niveau ...

Die Entnahme und das Auftragen der Plaggen führten im Laufe der Zeit zu Landschaftsveränderungen. Das Aufbringen immer neuen Plaggendüngers ebnete Felder und gab ihnen im Laufe der Zeit ein bis heute sichtbar höheres Niveau. Der Abtrag förderte die Erosion der Sandböden. Von wüstenähnlichen Landschaften in Nordwestdeutschland berichtete die Reiseliteratur der Frühen Neuzeit. Ehemalige Heideflächen und mittelalterliche Sanddünen zeugen bis heute davon.

Erst vor rund 100 Jahren wurde die Plaggenproduktion durch die Möglichkeit, synthetische Dünger zu produzieren, endgültig abgelöst.


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