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Hübsch und billig müssen die Schuhe sein

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So wie Anna geht es den meisten Kunden. „Hübsch und billig müssen die Schuhe sein“, sagt die Hauptschülerin, die 20 Euro für ihre Abschlussballschuhe auf die Ladentheke gelegt hat. Sie kommt aus dem Geschäft mit dem berühmten Logo. Es ist das Markenzeichen des Schuhkönigs – nicht nur von Deutschland, sondern auch Europas: ein weißes D mit einem stilisierten blauen Schuh auf grünem Untergrund. Wer Schuhe bei Deichmann kauft, kann fast sicher sein, ein Schnäppchen zu machen. Schließlich wirbt das Familienunternehmen mit dem Spruch „Gutes Geschäft“.

Wo und wie die Schuhe produziert werden, ist für fast alle Käufer Nebensache. In Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh sieht diese Sache schon anders aus. Dort nämlich produziert die Fabrik Shoe Premier Schuhe. Der Hauptabnehmer ist die Deichmann-Gruppe mit Sitz in Essen. „Rund 2,5 Millionen Paar Schuhe lassen wir dort pro Jahr anfertigen“, sagt Björn Gulden, der Generalbevollmächtigte der Deichmann-Gruppe.

3000 Mitarbeiter

Nach seinen Worten arbeiten etwa 3000 Menschen in der Fabrik in Phnom Penh. Viele von ihnen sind nach Recherchen unserer Zeitung derart unzufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen, dass sie in einem Brief vom 25. Juni schwere Vorwürfe gegen die chinesischen Eigentümer und Manager richten, aber auch gegen Deichmann.

Die Deichmann-Gruppe ist nicht nur der Hauptabnehmer, sondern schreibt sich zugleich einen sogenannten „Code of Conduct“ auf die Fahnen. Dabei handelt es sich um einen Katalog von Sozial- und Umweltstandards, der die Rechte der Arbeitnehmer sichern soll – von Kinderarbeit und Überstundenregelung bis hin zu Gesundheit und Umweltschutz. Dieser Code of Conduct, so Deichmann-Sprecher Ulrich Effing, sei „Vertragsbestandteil und muss eingehalten werden“. Ein Verstoß führe zu „entsprechenden Maßnahmen“.

Die Deichmann-Gruppe geht so rigoros vor, weil sie einen Ruf zu verlieren hat. Schließlich hat sie weltweit über 2300 Filialen, darunter mehr als 1000 in Deutschland, und meldet Jahr für Jahr Rekordergebnisse. 2007 reiht sich da nahtlos ein: Nach Unternehmensangaben verzeichnete Europas Schuhkönig im vorigen Jahr drei Milliarden Euro Umsatz in 16 Ländern und verkaufte rund 122 Millionen Paar Schuhe. Die Hälfte des Umsatzes gelang in Deutschland, wo über 21 Millionen Kunden rund 69 Millionen Paar Schuhe gekauft haben. Und es soll mit Expansion längst noch nicht Schluss sein: Das Unternehmen sieht in Deutschland Potenzial für mindestens zusätzliche 150 Läden.

Für die ganze Gruppe und deren Vertragspartnern gilt der Code of Conduct. Und dieser Katalog sieht unter anderem vor, dass die regelmäßige Arbeitszeit „48 Stunden nicht überschreiten“ darf. Überstunden seien „vom Arbeitnehmer nur auf freiwilliger Basis“ zu leisten. Außerdem wird von Arbeitgebern verlangt, „keine körperlichen, sexuellen, psychischen oder verbalen Belästigungen“ anzuwenden.

Zur Strafe an die Wand

Vieles von dem wird nach Angaben von Mitarbeitern und Gewerkschaftern bei Shoe Premier nicht eingehalten. Zur Belegschaft gehören auch Hoeurn Tharith, Buth Both und Sen Sithourn. Sie arbeiten zugleich für die FTUW, eine von zwei Gewerkschaften, die bei Shoe Premier vertreten sind. Sie erzählen, was alles schiefläuft: „Wer das Produktionsziel von 100 Schuhen pro Stunde nicht schafft, muss sich zur Strafe an eine Wand stellen“, sagen sie.

Es komme vor, „dass einige vor einer Tafel mit der Zielzahl stehen, die sie nicht erfüllen können“. Auch Überstunden sind demnach ein Problem. Tharith und Sithourn sprechen von „erzwungenen Überstunden von mindestens vier Stunden pro Tag“. Per Gesetz seien aber nur zwei erlaubt. „Außerdem müssen viele sieben Tage pro Woche arbeiten“, sagt Tharith. Zudem fehlten Masken zum Schutz gegen giftige Dämpfe wegen der Klebstoffe.

Effing und Gulden können die Vorwürfe nicht nachvollziehen, zumal „die Fabrik erst im Mai untersucht worden ist“. Beide beklagen zwar, „dass wir den Gewerkschaftsbrief erst am 3. Juli erhalten haben“. Gulden macht aber zugleich klar, „dass wir die Vorwürfe ernst nehmen“. Diese seien, „falls sie zutreffen, absolut inakzeptabel“. Eines haben die Recherchen aber immerhin schon ergeben: Auf Drängen Deichmanns sind Management und Gewerkschaft vergangenen Freitag zusammengekommen und haben sich auf einen Zehn-Punkte-Plan zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen geeinigt, bestätigt Gulden unserer Zeitung.

Doch die Ruhe währt nicht lange: Am späten Samstagabend teilt Deichmann-Sprecher Effing unserer Zeitung mit, beide in der Fabrik vertretenen Gewerkschaften hätten ein Fax geschickt und die Vorwürfe zurückgenommen. Das Pikante: Das Fax zeigt ein Foto, auf dem eine Arbeiterin mit einer Schutzmaske zu sehen ist. Darüber die schriftliche Anmerkung, der Vorwurf fehlender Masken sei falsch. Die Arbeiter trügen diesen Schutz. Das alles ist unter anderem unterzeichnet von Tharith und Sithourn.

Gestern Morgen dann die Wende. Unserer Zeitung liegt ein Schreiben der FTUW vor, in dem auch ein Manipulationsvorwurf gegenüber Deichmann geäußert wird. Demnach, so die FTUW, habe ein Deichmann-Mitarbeiter das Dokument mit dem Foto Tharith und Sithourn vorgelegt, „die überhaupt kein Englisch sprechen“. Beide FTUW-Mitarbeiter seien vom Deichmann-Mitarbeiter im Glauben gelassen worden, es handle sich um eine Absichtserklärung der Firma, die fortan Schutzmaßnahmen wie auf dem Foto umsetzen wolle. Das Wichtigste: In dem Schreiben erhält die Gewerkschaft alle Vorwürfe aufrecht. Effing zeigt sich von der Entwicklung überrascht. Bei der jüngsten Prüfung hätten sich die Probleme „bei weitem nicht so dargestellt wie im vorliegenden Schreiben“, teilt er schriftlich mit. Da sich die Vorwürfe „aus der Ferne wohl nicht zweifelsfrei klären lassen“, fliege noch am Sonntagabend „einer unserer Experten aus Deutschland nach Kambodscha“, um heute „den Problemen auf den Grund zu gehen und, wo nötig, für Abhilfe zu sorgen“.

Deichmann: Klärung des guten Rufes

Wer sich das Marktgeschehen im Schuhgeschäft vor Augen hält, ahnt, warum Deichmann so viel an einer Klärung und an einem guten Ruf liegt. „2007 standen rund 383 Millionen Paar Schuhe in deutschen Geschäften“, erläutert Horst Heid, der Geschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Schuhindustrie (HDS). Einen Großteil davon hat die Deichmann-Gruppe verkauft.

Von den 2007 nach Deutschland importierten rund 498 Millionen Paar Schuhe kommen zwar laut Heid etwa „50,6 Prozent aus China“. Dennoch sei Kambodscha für die Preiskalkulation der Händler wichtig: Gegen China und Vietnam habe die EU Anti-Dumping-Zölle verhängt, „die voraussichtlich im Oktober verlängert werden“. Kambodscha sei davon nicht betroffen.

Auch deshalb hat Deichmann die Fertigung von Vietnam ins südostasiatische Land verlegt. „Die Schuhindustrie ist wie eine Karawane“, sagt dazu Joachim Horzella vom Prüfungs- und Forschungsinstitut Pirmasens, das Schuhe auf Material und verwendete Stoffe untersucht. Die Fertigungsstätten „waren mal in Portugal und Osteuropa“, sagt er. „Und dann zogen die Produzenten weiter nach Asien.“ Horzella: „Als Nächstes kommt Afrika. Äthiopien ist der nächste aufstrebende Markt. In diesem Herbst planen wir für ein Konsortium eine Schuhfabrik.“ Das sieht nach einem guten Geschäft aus. Fragt sich nur, für wen.


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