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Kissinger ein Kriegsverbrecher?

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die story: Der Fall Kissinger - WDR, 22. 30 Uhr
Er wird immer wieder gern genommen: Henry Kissinger gilt als ein eloquenter Zeitzeuge, der uns als gebürtiger Fürther und langjähriger amerikanischer Außenminister die große Politik erklären kann. Printmedien und Fernsehen reißen sich auch heute noch um seine Stellungnahmen. Weil er als junger Jude Anfang der dreißiger Jahre mit seinen Eltern vor den Nazis aus Deutschland geflüchtet war, galt er bislang als vollkommen unverdächtig– zumindest was die großen Verbrechen dieses Jahrhunderts anbetrifft.

Doch genau das ist der Vorwurf, der ihn heute Abend trifft: Er sei an furchtbaren Verbrechen maßgeblich beteiligt gewesen, behauptet kein Geringerer als der mit mehreren Grimme-Preisen dekorierte WDR-Autor Wilfried Huismann, der sich unter anderem auf jetzt erst freigegebene Dokumente des US-Geheimdienstes bezieht. Er fährt in seiner fesselnden Dokumentation ,,die story: Der Fall Kissinger" schwerstes Geschütz auf gegen den 78-jährigen ,,elder statesman". Zwei Schwerpunkte hat Huismanns Film: Chile und Vietnam - zwei große schwarze Flecken in Kissingers Biographie, falls die Vorwürfe des Filmautoren tatsächlich zutreffen.

Huismann hat hochkarätige Kronzeugen gegen Kissinger vor die Kamera gebracht. So berichtet Edward Korry, der einstige US-Botschafter in Santiago de Chile, von der Verwicklung des hochangesehenen Politikers in einen folgenreichen politischen Mord: 1970, zu Zeiten der linksgerichteten Allende-Regierung in Chile, galt der loyale Oberbefehlshaber der Armee, General René Schneider, als Haupthindernis für einen Militärputsch. In den Augen von US-Präsident Nixon war Allende nur ein ,,Bastard, ein Hurensohn", den er ,,zerschmettern" wollte. Also musste man den General aus dem Weg räumen, ließ Kissinger den Recherchen zufolge Mordwaffen und Killerlohn im Diplomatengepäck nach Chile schmuggeln und an chilenische ,,Freunde" weiterreichen.

Wenig später wurde General Schneider kaltblütig erschossen. Kissinger wusste angeblich von nichts, doch der damalige US-Miltärattaché in Santiago und Überbringer des ,,Blutgeldes", Oberst Wimert, sagt heute vor laufender Kamera: ,,Er ist ein Lügner". Und das obwohl er der Ansicht ist, dass viele chilenische Sozialisten den Tod verdient hatten. Die Folge dieses Anschlags: Der Weg war frei für General Augusto Pinochet, der mit seiner blutigen Militärdiktatur das Land in seine dunkelste Phase stürzte. Kürzlich veröffentlichten Gesprächsprotokollen zufolge dankte Kissinger Pinochet dafür mit den Worten: ,,Sie haben dem Westen einen großen Dienst erwiesen".

Ähnlich unrühmlich war offenbar auch Kissingers Rolle im Vietnamkrieg. Roger Morris, einst sein enger Vertrauter im Nationalen Sicherheitsrat, fordert vor der WDR-Kamera, den Ex-Minister und hochdotierten Vortragsreisenden ähnlich wie Slobodan Milosevic vor das Haager Tribunal zu bringen: ,,Wenn gleiches Recht für alle gilt, muss Henry Kissinger als Kriegsverbrecher abgeurteilt werden. Schließlich ist er persönlich verantwortlich für den Einsatz von Massenvernichtungswaffen gegen Zivilisten während des Vietnamkriegs und für die Invasion nach Kambodscha".

Morris nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er die Rolle des Friedensnobelpreisträgers von 1973 beschreibt: ,,Kissinger hat nie das geringste Mitgefühl für die Opfer gezeigt. Er hat vielmehr immer einen erbarmungslosen Schlag gegen Nordvietnam gefordert. Dieser Mann hat sich eines der größten Verbrechen des Jahrhunderts schuldig gemacht".

Auch wenn oder sogar weil Filmautor Wilfried Huismann sich sehr um Sachlichkeit bemüht, geht seine Dokumentation tief unter die Haut. Und sie macht den Zuschauer wütend, wenn er hört, dass Henry Kissinger es ablehnt, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Denn wenn eins klar ist, dann dieses: So etwas kann man nicht aussitzen.


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