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"Ich habe den Geruch von Blut und Kalk noch in der Nase"

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Über einen Lebensabschnitt, an den sich ältere Zeitzeugen nicht gerne erinnern, redet Günther Niemann, ehemaliger Rektor der GHOS Buer, offen. Mit 14 wurde er freiwillig Melder bei der Luftschutzpolizei Osnabrück. Der 77-Jährige schilderte in einem Dokumentarfilmprojekt von Studenten der Uni Osnabrück, wie er als junger Mann den Zweiten Weltkrieg erlebte.

In Osnabrück wuchs der Sohn eines SPD-Sympathisanten auf. Er bekam die Angst der Mutter mit, als sein Vater 1934 beim Verteilen von Flugblättern von der SA geschnappt und in ein Arbeitslager gebracht wurde. Während Vater und Schwester als Mitglied der SAJ (Sozialistische Arbeiterjugend) dem Regime kritisch gegenüberstanden, begeisterte sich der junge Günther am Radio für die Olympiade 1936 und klebte eifrig Sammelbildchen ins Album. 1939, als der Beitritt zur Hitlerjugend (HJ) längst Pflicht war, gelangte er als Zehnjähriger zu den Pimpfen. Dem fußballinteressierten Jungen gefielen die sportlichen Übungen, der Exerzierdienst und das Kameradschaftsgefühl.

Während Günther unbekümmert mit der HJ das Theater besuchte, unter strenger Alterskontrolle Kinofilme sah und die großen Aufmärsche an Feiertagen verfolgte, versuchte die deutsche Luftwaffe mit einer Serie von Luftgefechten, England 1940 in die Knie zu zwingen. Groß war der Schrecken, als sein Vater 1941 ohne Vorwarnung von der Gestapo abgeholt und ein Jahr im KZ Sachsenhausen inhaftiert wurde.

Nahe den Klöckner-Stahlwerken gab es eine Flakstellung. "Die zwei Zentimeter großen Geschosse hinterließen eine Leuchtspur, wie bei einem Feuerball." Manchmal sah der Schüler getroffene feindliche Fallschirme in den Straßenbahnleitungen baumeln. "Als 1942 die Luftangriffe zunahmen, sammelten wir Jugendlichen sorglos die zahnigen Flaksplitter." Er übte Geräteturnen mit einer Sportdienstgruppe, die sich in der Jahnstraße traf. Turnhalle statt HJ-Dienst: eine willkommene Alternative. Nach der Schlacht von Stalingrad und Goebbels' Rede im Berliner Sportpalast gab es 1943 weiterhin Freiwillige. Auch Günther Niemann meldete sich mit 14 Jahren als Melder bei der Luftschutzpolizei Osnabrück. Nur wenige seiner ehemaligen Kollegen sind heute noch am Leben. Mit Gasmaske und Fahrrad ausgestattet, wurde er am 17. Mai 1943 einberufen zur Rettungsstelle im Keller an der Katharinenstraße/Ecke Wall, um von dort notwendige Meldungen zu übermitteln, falls Telefonleitungen ausfielen. Beim Bombardement auf die Neustadt im März 1944 half er mit, Verletzte in den Bunker zu transportieren. "Ich habe heute noch den Geruch von Blut und Kalk in der Nase." Wie aus einer Mehlkiste zogen die Helfer Verschüttete aus den Trümmern.

Bald darauf wurde Niemann zur Luftschutzleitung versetzt. Unter Führung des Oberstleutnants Alfred Jung gab es viel zu tun. So mussten der Feuerwehr Anweisungen überbracht und Höhergestellte auf Krads kutschiert werden. Nach einem Angriff versperrten Steine und Drähte die Straßen, Brandbomben steckten im Asphalt. Für Autos gab es kein Durchkommen, und an Schulunterricht war nicht mehr zu denken. Nach einem anstrengenden Aufenthalt im Wehrertüchtigungslager 1944 musste der spätere Lehrer, der 1958 in Buer unterrichtete und von 1969 bis 1991 Rektor der GHOS war, mit ansehen, wie ein Blindgänger vor seinem Kameraden am Rißmüllerplatz in die Luft ging und dieser vom Bombentrichter verschluckt wurde. Die Zahl der Todesopfer nahm zu, und so sollte die Luftschutzleitung auch vor dem Krematorium am Heger Friedhof Wache schieben.

"Unsere Stahlhelme waren sehr eng, da kippte schon mal einer um", berichtet Niemann. Zu seinen einschneidenden Erlebnissen zählt der Blick auf den Feuersturm in der Altstadt. Sprengbomben hatten die Dächer fortgerissen, Schläuche der Feuerwehrleute, die mit ihren Kübelwagen in die Stadt eilten, brannten durch. Es wurde eine Wassergasse gebildet. "Mit dem Feldwebel Otto Wipperling musste ich Blindgänger zum Entschärfen anfahren." Eine gefährliche Aufgabe, die der Melder im März 1945 mehrmals übernahm. KZ-Häftlinge erhielten die Order, Bomben freizulegen.

Erst im Oktober 1945 gab es für Günther Niemann nach einem Jahr wieder einen geregelten Schulalltag auf dem Ratsgymnasium. Das Kriegsende erlebte der 77-Jährige persönlich nicht als Befreiung. "Für mich und die allermeisten ist eine Welt zusammengebrochen."


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