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Aus unglücklichen Kindern mit kaputtem Elternhaus werden oft die größten Genies Vom Muttersöhnchen zum Übermenschen

Von Dr. Jörg Zittlau

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Berlin. Kreativität aller Art allein von schwierigen Eltern abzuleiten scheint ein wenig zu kurz gegriffen. Autor Jörg Zittlau versucht es trotzdem in seinem Gang durch die Geschichte.

„Durch welche physische und psychische Minderwertigkeit zog ich mir die Kälte meiner Mutter zu? War ich ein Kind der Pflicht, dessen Geburt zufällig war oder dessen Leben ein Vorwurf ist?“ Honoré de Balzac war ein Verstoßener, seine Mutter hatte ihn direkt nach der Geburt zu einer Amme aufs Land bringen lassen. Dort wurde er dann schlichtweg vergessen. Ein Drama, das Honoré seinerseits nie vergessen konnte. Er wurde zum Schriftsteller, der wie besessen die Seiten füllte und dabei täglich bis zu 40 Kännchen Kaffee in sich hineinschüttete. Denn wenn er schon nicht die Liebe seiner Mutter gewinnen konnte, wollte er wenigstens die der Leser verdienen.

Das kaputte Genie und sein kaputtes Elternhaus – es hört sich an, als wäre es Balzacs Romanen entsprungen. Aber es ist: historische Realität. Die gesamte Weltgeschichte wurde von Menschen mit unglücklicher Kindheit und inkompetenten Eltern geprägt. Schon Vater und Mutter von Alexander dem Großen hassten sich und trugen ihren Kampf auf dem Rücken des Sohnes aus. In dessen Hirn entstanden daraufhin psychische Verwicklungen, die er nicht einfach zerschlagen konnte wie den Gordischen Knoten. Mit der Folge, dass Alexanders Soldaten am Ende von einem realitätsfremden Massenmörder mit gespaltener Persönlichkeit befehligt wurden.

Einige Jahrhunderte später trat in Rom wieder eine machthungrige Mutter in Erscheinung: Agrippina. Sie vergiftete ihren Mann, um ihren Sohn Nero zum Kaiser zu machen, was sich bekanntlich für Rom als Katastrophe herausstellen sollte. Ansonsten setzten die Eltern im Altertum vor allem auf Prügel, Rute und Einsperren, um die Kinder gefügig zu machen. Ein Trend, der sich bis ins Mittelalter fortsetzen sollte. Martin Luther etwa wurde Opfer des sogenannten „Stäupens“, einer besonders erniedrigenden Form der Prügelstrafe. Der junge Thomas von Aquin musste ein Jahr lang in einem verriegelten Turm ausharren, weil er sich dem Willen der Eltern widersetzte. Er ging danach in den extrem strengen Dominikanerorden, tauschte die Gefängnis- gegen die Klosterzelle – offenbar hatte er sich an Einsamkeit und Entbehrung gewöhnt.

Nach dem Mittelalter und erst recht mit dem Beginn der Aufklärung im 17.Jahrhundert wurden die Grausamkeiten zwar nicht weniger, dafür aber differenzierter, geistreicher und subtiler. Friedrich der Große etwa wurde von seinem Vater bestraft, indem er sich die Hinrichtung seines besten Freundes anschauen musste. Fortan war er emotional tiefgefroren. Arthur Schopenhauer hingegen blieb zeitlebens ein leidenschaftlicher Mensch, der ebenso kreativ wie bösartig über Frauen herziehen konnte, die er „weder zu größeren geistigen noch körperlichen Arbeiten bestimmt“ sah. Die Basis für diesen Weiberhass wurde durch seine ignorante Mutter gelegt: Johanna Schopenhauer. Eine Schriftstellerin, die sich zwar selbst zu größeren geistigen Arbeiten bestimmt sah, aber für die Philosophie ihres Sohnes keinerlei Verständnis hatte.

Beethoven, Liszt, Mozart und Clara Schumann bekamen zu spüren, was es heißt, elterlicherseits zum Wunderkind gedrillt zu werden. Dass man nämlich wohl zum Wunder wird, aber kein Kind mehr sein darf. Ein Schicksal, das auch die Marx Brothers, Elizabeth Taylor, Andre Agassi, Tiger Woods und Michael Jackson traf, der zudem von seinem Vater, in alter Tradition, auch noch verprügelt wurde. Joseph Jackson antwortete einmal auf die Frage eines Journalisten, ob er seine Kinder mit Rute und Gürtel geschlagen hätte: „Geschlagen habe ich in nie mit Rute und Gürtel! Gepeitscht habe ich ihn damit! Schlagen tut man jemanden mit einem Stock, aber nicht mit Rute und Gürtel.“

Hemingway, Nietzsche, Napoleon und Franz Josef Strauß waren sogenannte „Muttersöhne“, mit einem schwachen oder abwesenden Vater auf der einen und einer starken, dominanten oder auch übermäßig gluckenden Mutter auf der anderen Seite. „Dies verstärkte in ihnen den Drang, anstelle der vorgelebten Männlichkeit des Vaters ein eigenes und völlig überzeichnetes Männlichkeitsideal aufzubauen“, erklärt der deutsche Psychologe Volker Elis Pilgrim. Weswegen Nietzsche vom „Übermenschen“ fabulierte und Hemingway einen alten Mann gegen einen gigantischen Fisch kämpfen ließ. Muttersöhne wie Hitler und Stalin lebten allerdings ihre verkorkste Männlichkeit aus, indem sie andere Menschen abschlachten ließen.

Das Wesen eines gestörten Elternhauses besteht darin, dass es im Unterschied zur familiären Harmonie die Kinderseele mit widersprüchlichen und morbiden, aber auch anregenden Reizen füttert. So etwas ist als Nährboden für Kreativität und Willensstärke geradezu ideal. Was aber nicht heißen soll, dass es keine Berühmtheiten mit intakter Familie gegeben hätte. Friedrich Schiller wurde durchs Militär zum Bettnässer gemacht. Und Erich Kästner war als Kind einfach nur glücklich.h. Obwohl viele ihm einreden wollten, dass er doch unglücklich sein müsste, weil er keine Geschwister hatte und die Eltern um seine Liebe buhlten. Doch seine Antwort darauf fiel ebenso knapp wie unmissverständlich aus: „Ich blieb das einzige Kind meiner Eltern und war damit völlig einverstanden.“

Jörg Zittlau: „Sie meinten’s herzlich gut“. Berühmte Leute und ihre schlechten Eltern. List. 14,95 Euro.


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