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Auch die Stasi-Kamera kommt ins Inustriemuseum

Schon das Stativ ist ein Monstrum, und die Kamera hat es in sich. 17 Meter Film passen in das Magazin, das reicht für 450 Bilder. Nur für die Stasi wurde die Praktika VLC gebaut, ein Spitzenprodukt der DDR-Technologie. Rainer Buchwalsky gelang es, ein Exemplar aus dem Nachlass der DDR zu kaufen. Jetzt vermacht er sie dem Museum Industriekultur – zusammen mit rund 200 anderen Kameras aus seiner Sammlung.

Grundtext: Das Fotografieren ist seine Leidenschaft geworden, seit seine Mutter ihm vor über 50 Jahren eine 6x9-Zeiss-Ikon in die Hand drückte und ihm den Auftrag gab, Familienereignisse im Bild festzuhalten. Dr. Rainer Buchwalsky, bis vor drei Jahren Ärztlicher Direktor der Schüchtermannklinik in Bad Rothenfelde, hat aber auch ein Stück Industriegeschichte dokumentiert.

Jahrzehnte lang sammelte er Kameras aus deutscher Fertigung, und weil er sich dabei keinerlei ideologische Schranken auferlegte, waren ihm die aus dem sozialistischen Osten stets ebenso wichtig wie die aus dem kapitalistischen Westen. Mit seiner Sammlung unterstreicht Buchwalsky, dass die DDR lange Zeit an der Spitze der technischen Entwicklung gestanden hat. Ob Praktika, Pentacon oder Exakta – erst in den 70er oder 80er Jahren wurde sie von den Japanern überholt.

Mit dem Ost-West-Gegensatz, den Eifersüchteleien und gerichtlichen Auseinandersetzungen der Erben jenseits und diesseits der Zonengrenze bekommt die Sammlung von Rainer Buchwalsky ihr eigentliches Thema. Zum Beispiel Contax, eine traditionelle Marke aus Dresden. Nach dem Krieg stritt sich die Zeiss-Ikon AG in Stuttgart mit dem VEB Zeiss-Ikon in Dresden um die Namensrechte – und gewann 1952. Fortan firmierte das DDR-Produkt beim Export in westliche Länder unter Pentacon. Im Ostblock lebte Contax (made in DDR) jedoch weiter, und in der übrigen Welt durfte Contax (made in W-Germany) ohnehin sein Traditionsimage pflegen.

Kameras aus beiden deutschen Staaten waren auch bei der Eroberung des Weltraums dabei – auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs. Rainer Buchwalsky stellt sie gegenüber: Eine Hasselblad 500 C, baugleich mit dem Apparat, den der amerikanische Astronaut Walter Schirra auf seinem Mercury-Flug 1962 im Handgepäck hatte. Und daneben eine Practisix, wie sie 1969 an Bord einer Sojus 4 verwendet wurde. „Auch die Russen vertrauten auf Zeiss-Technologie“, sagt Rainer Buchwalsky, „allerdings aus Dresden und Jena“.

Der Kardiologe aus Bad Rothenfelde dokumentiert mit seinen Fotoapparaten die technische Entwicklung von 1880 bis ans Ende des 20. Jahrhunderts. Digitalkameras interessieren ihn nicht, und mit dem Ende der analogen Fotografie ist das Kapitel für ihn abgeschlossen. „Heute wäre die Sammlung nicht mehr zusammenzustellen“, vermerkt Buchwalsky, die Amerikaner und die Japaner hätten den Markt fast leergefegt. Viele seiner Schätzchen hat er durch Vermittlung von Mario Kautz erstehen können. Den Spezialisten aus Berlin lernte er vor Jahren auf einer Kamerabörse in Osnabrück kennen. Eine ergiebiges Zweckbündnis für den Sammler. Auch an die fast geräuschlose Stasi-Kamera mit dem 17-Meter-Magazin, die an einem Grenzkontrollposten arglose DDR-Besucher überwachte, wäre er ohne dessen exzellente Kontakte niemals gekommen. Rainer Buchwalsky beziffert den Auktionswert seiner Sammlung auf 50000 Euro und fügt sogleich hinzu, dass er mehr dafür bezahlt habe. Die Fotoapparate gehen nun in eine Stiftung ein, über die das Museum Industriekultur Osnabrück verfügt. Voraussichtlich im kommenden Jahr wird es auch eine Ausstellung geben. Museumsleiter Rolf Spilker möchte dabei einen Bogen zur Osnabrücker Industriegeschichte spannen. Schließlich gilt die Papierfabrik Schoeller als weltgrößter Produzent von Fotopapieren.


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