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Ein offenes Ohr für alle menschlichen Nöte

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76 Ehrenamtliche haben rund um die Uhr ihr Ohr am Telefon. Foto: Egmont Seiler76 Ehrenamtliche haben rund um die Uhr ihr Ohr am Telefon. Foto: Egmont Seiler

Gewalt findet sie am schlimmsten, erst recht, wenn im Hintergrund ein tobender Mann zu hören ist. Wenn dann noch abrupt das Telefonat abgebrochen wird, fühlt sie sich besonders hilflos, die ehrenamtliche Mitarbeiterin der Osnabrücker Telefonseelsorge.

Wer dort tagsüber vier und nachts acht Stunden lang am Telefon sitzt, bleibt ebenso anonym wie die Anrufenden. Deshalb wird ihr Name an dieser Stelle nicht genannt. 19 Jahre ist sie bereits ehrenamtliche Mitarbeiterin. Seit 30 Jahren gibt es diesen Dienst in Osnabrück.

Am 1. Oktober 1979 nahm die Telefonseelsorge nach zweijähriger Vorlaufzeit ihre Arbeit in Trägerschaft des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Osnabrück auf. Sie versteht sich als ökumenisches Angebot: Die Ehrenamtlichen sind evangelisch und katholisch und in Ausnahmefällen auch konfessionslos.

Die ersten Telefonseelsorgen gab es in Amerika und England, wo Pfarrer auf die steigende Zahl von Suiziden oder Selbsttötungsversuchen aufmerksam wurden. 1953 inserierte ein Pfarrer in London „Ehe Sie sich umbringen, rufen Sie mich an.“ Die erste deutsche Telefonseelsorge gab es 1956 in Berlin, 1979 folgte dann Osnabrück.

Seither gab es hier mehr als 324500 Anrufe – Tendenz steigend: Allein im vergangenen Jahr waren es 21152, fast 2000 mehr als im Jahr 2007, berichten der Leiter, Pastor Uwe Hobuß, und die hauptamtliche Mitarbeiterin Susanne Kluge.

Steigend ist allerdings auch die Zahl der Test- und Scherzanrufer. Ernst genommen werden alle, zumal sich hinter einer Provokation oder übler Beschimpfung ein Problem des Anrufers verbergen kann.

Wer hier am Telefon sitzt, muss auf die Arbeit gut vorbereitet werden. Dazu gehört in erster Linie, sich selber besser kennenzulernen, um die eigenen Gefühle von denen des Anrufers unterscheiden zu können. „Bei der Ausbildung bin ich mir zum ersten Mal richtig auf die Schliche gekommen“, beschreibt es die eingangs erwähnte Mitarbeiterin: „Ich habe gelernt, offener zu sein, und meine Wertmaßstäbe geändert.“

„Sprachfähigkeit und die Bereitschaft, über eigene Normen hinaus mit jemandem ins Gespräch zu kommen“, nennt es Hobuß. Denn manche Anrufer lassen ihre Wut oder Enttäuschung an den Mitarbeitern aus. „Ich weiß ja, dass ich nicht persönlich gemeint bin“, sagt die Ehrenamtliche. Nur wenn es zu heftig werde, müsse sie das Gespräch beenden. Das komme aber nicht oft vor.

Psychische Krankheiten, Probleme in der Partnerschaft oder Familie sind die häufigsten Gründe für die Anrufe. In den vergangenen Jahren geht es auch immer öfter um Armut oder Arbeitslosigkeit. Liebe, Mobbing, Schwangerschaft – für alle Probleme des Lebens haben die Gesprächspartner ein offenes Ohr.

Verschwiegenheit ist selbstverständlich: Die Anrufer können sicher sein, dass alles, was sie erzählen, vertraulich behandelt wird. Und auch in Zeiten moderner Kommunikationstechnik ist die Nummer des Anrufenden nicht zu erkennen. Das Gespräch ist kostenlos. Die Gebühren übernimmt die Telekom.


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