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"Altersverwirrt, aber leben wie Zuhause"

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die Menschen, von denen es in Deutschland rund eine Million gibt. Helga Rolfes, Pflegedienstleiterin des ambulanten Dienstes „Pflege und mehr“, hatte sich schon drei Jahre mit dem Thema beschäftigt, ehe sie vor sechs Wochen mit Angehörigen die WG gründete. „In der ambulanten Pflege erleben wir täglich Demente, die von ihren Angehörigen versorgt werden, bis es nicht mehr geht“, berichtet die Fachfrau: „Doch viele wollen ihre Mutter, den Vater oder Partner nicht gerne in ein Altenheim geben.“

Die WG verfügt über sieben Plätze, von denen bisher fünf belegt sind. Die Zimmer werden mit den Möbeln der Bewohner eingerichtet, auch das Mobiliar der Gemeinschaftsräume bis hin zur Waschmaschine stammt aus ihrem Besitz. Haustiere sind erlaubt. Der Yorkshire-Terrier Annika ist inzwischen Liebling aller Bewohner und Mitarbeiter. Auch Wellensittich Pucki wird gut versorgt, auch wenn seine Besitzerin heute nicht mehr weiß, dass sie ihn mitgebracht hat. Die Bewohner werden tagsüber von je einer Pflege- und hauswirtschaftlichen Kraft in zwei Schichten betreut, nachts ist eine Mitarbeiterin vor Ort. Wie früher in der eigenen Wohnung werden Leistungen wie Körperpflege von ambulanten Pflegediensten erbracht. Derzeit sind alle Bewohner noch mobil, sie sollen nach Auskunft von Helga Rolfes auch bleiben, wenn sie einmal bettlägerig werden sollten: Pflege bis zuletzt.

Das Alltagsleben verläuft nach dem persönlichen Rhythmus jedes einzelnen. Die eine Dame sieht gerne bis spät in die Nacht Fernsehen und schläft morgens lange. Die andere geht voll bekleidet zu Bett, wie sie es früher auch gemacht, und steht nachts auf, um den Tisch zu decken oder Wäsche zusammenzulegen. „Wir zwingen sie nicht in ein Nachthemd“, erzählt Helga Rolfes Vertreterin Ute Schröter, die eine gerontopsychiatrische Zusatzausbildung absolviert hat. Eine bestimmte Farbe weist den Bewohnern den richtigen Weg. Damit ist die Tür zu den Zimmern gekennzeichnet, das Namensschild umrahmt, ein Pfeil in der jeweiligen Farbe zeigt zum richtigen Badezimmer, und am Esstisch nimmt jeder dort Platz, wo Deckchen und Stuhlkissen in seiner Farbe liegen. Die Mahlzeiten werden selbst zubereitet, wobei die WGler nach ihren Fähigkeiten helfen, Kartoffeln schälen oder den Tisch decken.

Manche wissen nicht mehr, wo ihre letzte Wohnung war, kennen aber beim gemeinsamen Singen noch fast alle Strophen bekannter Volkslieder. Gerade bei Dementen ist es für die Pflegenden wichtig, möglichst viel aus ihrer Biografie zu erfahren. Gemeinsam mit den Angehörigen wird das frühere Leben erforscht. Dann ist auf einmal ganz klar, warum Frau K. ab und zu Essen versteckt und dann erklärt: „Das waren die Jungs.“ Die alte Dame war während des Krieges in ein Jungenheim ausquartiert. Dort spielten ihr „die Jungs“ manche Streiche und versteckten eben auch mal ihr Essen. Frau K. hat ihre neue Wohnung und Mitbewohner akzeptiert, Gäste sind ihr nicht willkommen: „Ich hab die nicht eingeladen.“ Auswärtige Angehörige haben allerdings die Möglichkeit, kostenlos, nur gegen einen freiwilligen Obolus, in einem Gästezimmer zu übernachten, um einmal ein Wochenende mit Vater oder Mutter zu verbringen. Sie erleben dann, wie Frau K. etwas ungehalten fragt: „Was wollen die denn hier?“

1760 Euro plus Aufwendungen für die individuell geleistete ambulante Pflege kostet ein Platz in der Wohngemeinschaft. Der Grundbetrag setzt sich aus 280 Euro Miete, 180 Euro Versorgung und Einkauf sowie 1300 Euro für die Betreuung rund um die Uhr zusammen. Die 180 Euro für Versorgung können noch reduziert werden, wenn zum Beispiel Angehörige selbst die Wäsche waschen oder das Zimmer des Bewohners reinigen. Zurzeit sind alle Bewohner Selbstzahler, das heißt sie bestreiten die Kosten aus ihrer eigenen Tasche (Rente oder Vermögen aus Hausverkäufen) und aus den Leistungen der Pflegeversicherung.

Für demente Bewohner ohne entsprechende Rücklagen ist die Aufnahme nach Auskunft von Pflegedienstleiterin Helga Rolfes derzeit noch unklar. Für die Stadt ist diese Wohnform völlig neu, als Heim gäbe es Unterstützung von der Sozialverwaltung, doch so will sich die Einrichtung nach dem Wunsch der Gründer nicht einstufen lassen: „Wir sind eine Wohngemeinschaft und kein Heim, in anderen Städten wird das auch akzeptiert.“

Aufgenommen werden Demenzkranke, die immer den Wunsch hatten, im häuslichen Bereich und nicht in einem Heim zu leben. Sie müssen mit ihrer Erkrankung in einer Pflegestufe sein und Anspruch auf Leistungen aus der Pflegekasse haben. Bei den Neuen wird geprüft, ob sie in die WG passen, ein Probewohnen ist möglich. Weitere Informationen erteilt der Pflegedienst „Pflege und mehr“ unter Telefon 72432.


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