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Beim Stasi-Verhör mit Leuchten geblendet

Den Beamten fiel sie nicht auf. Antje Baum stieg in West-Berlin aus der S-Bahn – und damit war ihr 1959 die Flucht aus der DDR gelungen. Noch gab es keine Mauer. Dennoch geriet sie später in die Fänge der Staatssicherheit. Seit 35 Jahren lebt sie in Osnabrück und trägt den Nachnamen ihres Mannes: Barbrock. Antja Barbrock besuchte die Klasse 10B des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums.

„Ich war ein kleiner Fisch im Netz der Stasi“ So begann die Zeitzeugin, und die Schüler hingen Antje Barbrock an den Lippen. 1958 hatte sie in Dingelstädt (Thüringen) ihr Abitur gemacht und sich für viele Studienfächer beworben. Gegen ihren Wunsch erhielt sie einen Platz im Studiengang Bauwesen in Leipzig.

Zum Studium gehörte neben der russischen Sprache und der marxistisch-leninistischen Lehre auch das Exerzieren. „Einmal habe ich gelacht, und dann musste ich zur Strafe im Stechschritt marschieren“, erinnerte sie sich. Mehrmals wurde sie dazu eingeteilt, Vorträge über politische Themen zu halten. Einmal lehnte sie ab. „Ich sagte, ich hätte keine Zeit.“ Bald kam eine schriftliche Reaktion: „Ich sollte den Vortrag halten, sonst hätte ich mit anderen Maßnahmen zu rechnen.

“Antje Barbrock hatte genug. Sie wollte fliehen. Und ihre Eltern waren damit einverstanden. So fuhr sie „mit einem Koffer unter dem Faltenrock“ mit der S-Bahn von Ostberlin in den Westen. Dort erhielt sie einen Flüchtlingsausweis und bald einen Studienplatz für Germanistik und Anglistik in München.

Als Studentin nahm sie das Angebot einer norwegischen Firma an, Produkte auf der Leipziger Messe zu präsentieren. „Sie sagten, es könne mir nichts passieren. Ich willigte ein, weil ich Arbeit brauchte und unter Heimweh litt.“ Und dann standen drei Stasi-Beamte an ihrem Stand. „Sie haben mich verhaftet und bis in die Nacht hinein verhört. Ich saß auf einem Holzstuhl, und sie richteten Leuchten auf mich.“

Unter dem Druck kam sie auf eine Idee, die sie vor einer Anklage wegen Republikflucht retten sollte: „Ich behauptete, in den Westen gegangen zu sein, um von dort aus für den Sozialismus zu kämpfen.“ Sie verpflichtete sich, im Westen zu spionieren.

Zurück in München, zeigte sie sich gleich selbst an. Dann kam der Bundesnachrichtendienst ins Spiel. Sie befolgte den Rat, für die DDR nur oberflächliche Berichte zu schreiben. So enthielten Antje Barbrocks Briefe nicht mehr, als ohnehin in den Zeitungen stand. 1961 brach die DDR den Kontakt zu ihr ab.

Nach der Wende kopierte Antje Barbrock ihre Akte. Die Stasi hatte alles dokumentiert. Und nun wurden die Schüler des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums Zeugen des Geschehens – fünfzig Jahre nach Barbrocks Flucht und zwanzig Jahre nach dem Mauerfall.  


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