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Ein Besuch auf dem Friedhof der Bundesliga Der Club der toten Kicker

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Der Sammler Peter Plum in seinem Arbeitsraum. Hier verwaltet der 57-Jährige auch das Archiv der verstorbenen Bundesligaspieler. Für jeden gibt es eine Akte mit Bildern, Dokumenten und Autogrammen – wie die Beispiele auf dieser Seite zeigen. Foto: KemmeDer Sammler Peter Plum in seinem Arbeitsraum. Hier verwaltet der 57-Jährige auch das Archiv der verstorbenen Bundesligaspieler. Für jeden gibt es eine Akte mit Bildern, Dokumenten und Autogrammen – wie die Beispiele auf dieser Seite zeigen. Foto: Kemme

hp Straelen. Der Friedhof der Fußball-Bundesliga steht in Straelen am Niederrhein. In einem schmucken Einfamilienhaus im Grünen. Im Keller. In drei Leitz-Ordnern mit weißen Rücken. Ein Besuch bei Peter Plum, der darauf achtet, dass keiner der 240 verstorbenen Bundesligaspieler vergessen wird. Und dass sich die Spur auch des unbekanntesten Profis nicht im Nichts verliert.

Eine simple Excel-Liste, ausgedruckt auf vier Seiten, ist alles, was Plum braucht. Es sind 240 Einträge, von Toni Allemann bis Dieter Zorc. Nationalität, Todesdatum, Vereinsname als Kürzel – mehr steht da nicht. Sie alle waren irgendwann seit 1963 bei einem Fußball-Bundesligisten unter Vertrag, sie alle posierten für Fotografen, die die Bilder für die Sammelalben knipsten. Viele machten Schlagzeilen. Bei einigen waren die letzten die größten.

Aus Verzweiflung über geschäftliche Misserfolge erschoss sich der ehemalige Nürnberger Hubert Schöll. Der frühere Kölner Torwart Slobodan Topalovic prallte bei einem Altherren-Spiel in Frankreich mit einem Gegner zusammen und erlag seinen Schädelverletzungen. Das Herner Jahrhunderttalent Lutz Gerresheim war gerade dabei, sich einen Stammplatz beim VfL Bochum zu erobern, als er mit seinem Auto auf eisglatter Straße verunglückte. Noch heute, über 30 Jahre nach seinem Tod, pflegt man in Herne die Erinnerung.

Wer kennt noch Anton Gigl, den „Löwen“-Torwart hinter Petar Radenkovic? Wer erinnert sich noch an Dieter Haßdenteufel, beim 1. FC Saarbrücken ein Spieler der ersten Stunde? Albert Bittlmayer von Tennis Borussia Berlin, Georg Bosbach vom 1. FC Köln, Dieter Koulmann von Bayern München, Alban Wüst von Schalke 04 – wem sagen diese Namen noch etwas?

Peter Plum. Ganz ruhig sitzt er da, die Excel-Liste in der Hand. Zu jedem der verstorbenen Spieler kann er eine Geschichte erzählen, alles aus dem Kopf. Er tut das ohne Pathos, ohne dramatisierende Akzente. Und er ist ehrlich, wenn er über den Impuls für sein Archiv spricht. „Natürlich ist es schön, dass damit die Erinnerung auch an viele kaum bekannte Spieler erhalten wird. Aber ich bin Sammler, ich wollte einen klar umrissenen Bereich komplett und verlässlich abdecken und alles korrekt recherchieren.“

Das ist ihm auch in aussichtslosen Fällen gelungen, nur von einem Dutzend ehemaliger Bundesligaprofis verliert sich die Spur. Zusammen mit gleich gesinnten Sammlern arbeitet Plum daran, sie informieren sich über ihre Fahndungserfolge, tauschen Informationen, Dokumente, Fotos. Bevor er an Angehörige schreibt, formuliert er sorgfältig respektvolle Texte. Plum hat ein Netz aus Freunden und Kollegen, aus Journalisten und Vereinsarchivaren über das Fußball-Land geworfen; sie alle passen auf und schicken Kopien von Zeitungsartikeln, Nachrufe und Todesanzeigen nach Straelen.

Aufs Hörensagen mag Plum sich nicht verlassen. Er braucht Belege, die den Tod des Fußballers eindeutig dokumentieren. Wohin es führen kann, wenn man es anders macht, weiß er auch: Weil sowohl bei Werder Bremen als auch bei Hannover etwa zur gleichen Zeit ein Mann namens Dieter Meyer spielte, kam es durch eine schlampige Journalisten-Recherche zu einer Verwechslung: Jahrelang galt der Bremer Stürmer Meyer als tot, dabei war der 96-Torwart Meyer verstorben.

Peter Plum kann viele solcher Geschichten aus dem Leben eines Jägers und Sammlers erzählen. Denn die Ehrenliste der toten Bundesligaprofis entstand als Nebenprodukt seiner Autogrammsammlung, die gigantische Ausmaße hat: Über 200 000 Signaturen auf Sammelbildern und Fotos hat er archiviert; der Schwerpunkt liegt auf seinem Lieblingsverein Borussia Mönchengladbach.

Für jeden der verstorbenen Bundesligaspieler hat Plum eine kleine Akte zusammengetragen: Dokumente, Nachrufe, Zeitungsartikel und mehrere Sammelbilder mit Autogramm. Er blättert in den Ordnern und zeigt die Todesfälle, die ihm nahegingen und ihn beschäftigten.

Zum Beispiel Heinz Bonn. Das Verteidigertalent aus Wuppertal scheiterte beim Hamburger SV nicht nur wegen einiger Verletzungen, sondern auch wegen seiner Homosexualität, die er vor allen verbarg und verbergen musste, damals in den frühen Siebzigerjahren. Daran zerbrach er, seine Karriere endete früh. Bonn rutschte sozial ab, verfiel dem Alkohol. Im November 1991 wurde er in seinem Appartement in einem anonymen Hochhaus in Hannover erstochen. Eine Sonderkommission ermittelte, doch der Mord – angeblich von einem Strichjungen verübt– wurde nie aufgeklärt.

Oder Jürgen Moll. Der Braunschweiger Allrounder war einer der Asse der Meistermannschaft von 1967 gewesen; mit seiner Frau, der Schauspielerin Sigrid Moll, hatte er Zwillinge. Mit ihr war er am 16. Dezember 1968 auf dem Rückweg aus einem Kurzurlaub auf Sylt, als der Wagen bei Schnee und Eis in die Leitplanke krachte. Der 29-Jährige starb an der Unfallstelle, seine Frau auf dem Weg ins Krankenhaus.

Für ein Benefizspiel zu-gunsten der verwaisten Töchter des allseits geschätzten Sportlers stellte sich auf Initiative von Altbundestrainer Sepp Herberger die legendäre Weltmeisterelf von 1954 zur Verfügung. Am 14. April 1969 traten die Helden von Bern vor ausverkauftem Haus in Braunschweig an – zum ersten und einzigen Mal nach dem 3:2 gegen Ungarn spielten Fritz Walter und seine Männer vollzählig zusammen.

Oder Rudolf Schmidt. Den wuchtigen, schnellen Stürmer hatte sich der FC Bayern München 1966 ein Jahr nach dem Aufstieg als Pendant für Gerd Müller vom MSV Duisburg geholt. Das rote FCB-Trikot hatte der 25-Jährige nur bei einem Fototermin, aber noch bei keinem Spiel getragen, als er – zusammen mit seinem Teamkollegen Dieter Koulmann – mit seinem neuen Sportwagen verunglückte. Schmidt war sofort tot, er hinterließ seine Frau mit einer eineinhalbjährigen Tochter. Koulmann überlebte schwer verletzt.

Das Schicksal eines ehemaligen Mönchengladbachers hat Plum besonders fasziniert. Valdimir Durkovic, in den ersten Bundesligajahren am Bökelberg aktiv, wurde 1972 im schweizerischen Sion in einer Bar erschossen – von einem angetrunkenen Polizisten. Über den mysteriösen Fall möchte der 57-Jährige mehr wissen. Wenn der selbstständige Finanzberater in drei Jahren in den Ruhestand geht, will er den Fall vor Ort recherchieren.

Ob es sich um Weltklassespieler handelt wie den Österreicher Bruno Pezzey, der beim Eishockeyspiel dem schnellen Herztod erlag, oder um längst vergessene Kicker wie den Berliner Tasmanen Jürgen Lindner, der sich in seinem hauptberuflichen Einsatz als Feuerwehrmann einen Katzenbiss zuzog, an dessen Folgen er verstarb – für Plum sind sie alle gleich. Respektvoll, aber hartnäckig sucht er nach den Geschichten ihres Todes und hält sie fest für die Nachwelt.

Jeder der 240 hat seinen Platz in einem der Ordner. Dokumente, Zeitungsartikel, Nachrufe, Todesanzeigen, Briefe – und natürlich die Original-Autogramme auf den Sammelbildern. Für jeden Spieler gibt es eine Klarsichthülle, die Sammlung ist alphabetisch sortiert. Drei Ordner, so viele Schicksale. Seltsame, traurige, tragische und dramatische. Gesammelt, geordnet, geprüft. Geschützt vor dem Vergilben. Und vor dem Vergessen. Im Club der toten Kicker. In drei Ordnern in einem Keller in Straelen am Niederrhein.

Der Friedhof der Bundesliga. 

Weitere Schicksale:

 240 der über 5000 Spieler, die seit 1963 bei einem Bundesligisten unter Vertrag standen, sind nachweislich verstorben. Hier die bekanntesten Profis aus der Liste des Sammlers Peter Plum.

Toni Allemann (der erste Bundesliga-Schweizer, 1. FC Nürnberg), † 3. August 2008 mit 72 Jahren an Herzversagen beim Tennis. Werner Balte (Torjäger der ersten großen Bochumer Mannschaft), † 17. März 2007 mit 59 Jahren nach schwerer Krankheit. Maurice Banach (aus Münster stammender Torjäger des 1. FC Köln, der auf dem Weg in die Nationalmannschaft war), † 17. November 1991 mit 24 Jahren bei einem Autounfall. Ole Björnmose (einer der ersten Dänen, über 300 Spiele für Werder und den HSV), † 5. September 2006 mit 62 Jahren nach plötzlicher Krankheit. Rudi Brunnenmeier (Torjäger der glanzvollsten Epoche der Münchener Löwen), † 18. April 2003 mit 61 Jahren, verarmt, einsam und alkoholkrank. Lutz Eigendorf (setzte sich 1979 aus der DDR ab und spielte in Braunschweig und Kaiserslautern), † 7. März 1983 mit 27 Jahren bei einem höchstwahrscheinlich von der DDR-Staatssicherheit als Autounfall getarnten Mordanschlag. Lothar Emmerich (Top-Torjäger der ersten Bundesliga-Epoche, Dortmunder Legende), † 13. August 2003 mit 61 Jahren an Lungenkrebs. Reiner Geye (Dribbelkünstler, Fortuna Düsseldorf, 1. FC Kaiserslautern), † 8. August 2002 mit 52 Jahren an einer Leberkrankheit. Axel Jüptner (Defensiv-Allrounder, 200 Spiele für Stuttgart und Uerdingen), † 25. April 1998 mit 28 Jahren an einer Herzmuskelentzündung; Jüptner brach im Training beiCarl Zeiss Jena zusammen. Werner Krämer (brillanter Techniker der Meidericher Schule, Nationalspieler und WM-Teilnehmer 1966), † 12. Februar 2010 mit 70 Jahren nach schwerer Krankheit. Reinhard Libuda (genialer Rechtsaußen, scheuer Mensch; begeisterte in Schalke und Dortmund), † 25. August 1996 mit 52 Jahren nach einem Schlaganfall. Krzysztof Nowak (polnischer Nationalspieler, Publikumsliebling beim VfL Wolfsburg), † 26. Mai 2005 mit 29 Jahren an amyotropher Lateralsklerose (ALS), die ihn an den Rollstuhl gefesselt hatte. Manfred Reichert (Idol der Wuppertaler Bundesliga-Ära), † 10. April 2010 mit 69 Jahren nach 20 Jahren Kampf gegen den Krebs. Rolf Rüßmann (Schalker Eigengewächs mit Kultstatus, später Manager), † 2. Oktober 2009 mit 58 Jahren an Krebs. Horst Szymaniak (Weltklassefußballer aus Erkenschwick, der seine Laufbahn bei Tasmania Berlin beendete), † 2. Oktober 2010 mit 75 Jahren nach langer Krankheit. Lothar Ulsaß (Spielmacher der Braunschweiger Meistermannschaft), † 16. Juni 1999 mit 58 Jahren nach einem Schlaganfall. Zoltan Varga (ungarischer Ballkünstler der Extraklasse, Hertha BSC, BVB), † 9. April 2010 mit 65 Jahren nach Herzversagen bei einem Prominentenspiel. Ferdinand Wenauer (Nürnberger Abwehrchef, Club-Idol bis heute), † 27. Juli 1992 mit 53 Jahren an Herzversagen.


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