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1400 Gründe, anderen zu helfen

In ein Lichtermeer aus Kerzen verwandelte sich Samstagabend der Lingener Marktplatz. Trotz des schlechten Wetters war die Resonanz groß. Foto: Richard HeskampIn ein Lichtermeer aus Kerzen verwandelte sich Samstagabend der Lingener Marktplatz. Trotz des schlechten Wetters war die Resonanz groß. Foto: Richard Heskamp

Trüber kann ein Novemberabend kaum sein. Der Lingener Marktplatz glänzt vom Sprühregen, eine nasskalte Luft kriecht auch durch die dickste Jacke. Kein Wetter eigentlich, um sich draußen aufzuhalten, und doch stehen am Samstagabend viele Menschen auf dem Marktplatz. Erst geht eine Kerze an, dann Dutzende, schließlich 1400. Lingen und die Menschen auf dem Markt sind in diesem Moment ein Teil der Aktion „Eine Million Sterne“, die Caritas International als Zeichen für Solidarität und eine gerechte Welt initiiert hat.

Die Aktion in der Stadt haben der SKM, SkF, der Caritasverband und das Freiwilligen-Zentrum vorbereitet. Ihre Vertreter haben Zelte aufgebaut, schenken dampfend heißen Kaffee aus, kommen ins Gespräch mit den Menschen. Der Lichterglanz erhellt nicht nur den Markt, er soll auch den persönlichen Blick weiten – für die Not des Nachbarn gegenüber.

„Fast zwei Millionen Kinder und Jugendliche wachsen in Haushalten auf, in denen die Eltern von staatlicher Hilfe leben“, sagt Günter Rohoff, Geschäftsführer des SKM. Fast jeder zehnte Bürger in Deutschland könne seinen Lebensunterhalt nicht aus eigener Tasche bestreiten. Somit solle jede Kerze für einen Menschen in einer schwierigen Lebenslage stehen. „Gleichzeitig soll sie ein Symbol der Hoffnung sein“, hebt Rohoff hervor.

Heiner Pott freut sich über die große Resonanz auf dem Marktplatz, trotz des unfreundlichen Wetters. „Es spricht für die Haltung der Menschen in dieser Stadt, nicht nur an sich zu denken, sondern auch an andere“, betont der Oberbürgermeister. Vor allem den Menschen in der Dritten Welt, wo viele jeden Tag ums nackte Überleben kämpfen müssten, „darf nicht nur unser Mitgefühl gelten. Wir müssen ihnen helfen.“ Das gelte natürlich auch für die Sorgen von Mitbürgern in der unmittelbaren Umgebung. „Wir müssen den Blick über den Gartenzaun heben“, plädiert der Verwaltungschef für eine Haltung des Hinschauens und nicht des ichbezogenen Abwendens. Solche Aktionen wie die „eine Million Sterne in Lingen und anderen Städten Deutschlands“ würden jeden motivieren, mit offenem Herzen die Umgebung zu registrieren und zu helfen, wo Menschen in Not seien, unterstreicht Pott.

Armut in Deutschland – das bedeutet auch Ausgrenzung, zum Beispiel von Bildungschancen, von der Klassenfahrt, von der täglichen warmen Mahlzeit, sagt Caritasdirektor Franz Loth. Er erzählt das Märchen vom Sterntalter und dem Mädchen, das alles hergibt und am Ende reich beschenkt wird.

Solche Radikalität im Denken und Handeln mag es vielleicht nur in einem Märchen geben, wird mancher Zuhörer am Samstagabend auf dem Lingener Marktplatz gedacht haben. Die haupt- und ehrenamtlichen Helfer von SKM, SkF und des Freiwilligen-Zentrums dokumentieren aber anschaulich, dass niemand bei seinem Einsatz für andere alleine stehen muss.

Und der Marktplatzbesucher in Lingen hat auch dies gesehen: Eine Kerze allein bringt nicht allzu viel Licht, aber 1400 nebeneinander eine ganze Menge. 1400 Gründe, anderen zu helfen.


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