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"Tim hat unser Leben auf den Kopf gestellt"

Tim liebt es, Musik zu machen. Wenn seine Mutter die Gitarre holt, krabbelt er geschwind zu ihr hin. Über sein kleines Gesicht zieht ein breites Lachen, und tief aus seiner Brust dringt ein heiseres Brummen. Tim ist das "Oldenburger Baby", das seine eigene Abtreibung schwer behindert überlebt hat. Seitdem lebt der Neunjährige bei Familie Guido in Quakenbrück.

"Tim hat unser Leben total auf den Kopf gestellt", sagt Simone Guido und lacht. Bis Ende 1997 waren die Guidos eine ganz "normale" Familie: Mutter Simone, Vater Bernhard Neumann-Guido sowie die Söhne Pablo (4) und Marco (6). Die Eltern empfanden es als Glück, eine gesunde Familie zu haben, und wollten andere daran teilhaben lassen: Sie entschieden sich für ein Pflegekind.

Kurz vor Weihnachten 1997 fragte das Cloppenburger Jugendamt an, ob sie einen behinderten Jungen aufnehmen würden. "Als wir ihn im Krankenhaus sahen, stand unser Entschluss sofort fest. Wir brauchten gar nicht mehr darüber zu sprechen."

Tim sollte eigentlich gar nicht leben. In den Städtischen Kliniken Oldenburg ließ seine leibliche Mutter eine Spätabtreibung in der 25. Schwangerschaftswoche vornehmen. Durch eine Fruchtwasseruntersuchung hatte sie erfahren, dass ihr Kind eine geistige Behinderung haben würde: Trisomie 21, auch Down-Syndrom genannt. Doch das von den Medien als "Oldenburger Baby" titulierte Kind überlebte die eingeleitete Geburt. Es starb auch nicht in den ersten Stunden danach, obwohl es lediglich in ein Tuch gewickelt worden war.

Erst nach etwa neun Stunden begannen die Ärzte mit der intensiv-medizinischen Behandlung. Ein halbes Jahr dauerte es, bis Tim so stabil war, dass er entlassen werden konnte. Geblieben sind zusätzlich zum Down-Syndrom weitere Behinderungen. "Die ersten Jahre waren die schwierigsten", sagt die Pflegemutter. Tim war oft krank, musste immer wieder in Kliniken behandelt werden. Manchmal hing sein Leben am seidenen Faden. Die leiblichen Kinder mussten zurückstehen, wurden bei Nachbarn oder Freunden untergebracht.

Mittlerweile ist Tim gesundheitlich stabil, muss aber noch immer rund um die Uhr betreut werden: Er muss gewickelt und über eine Magensonde ernährt werden. Er kann kaum sprechen und nur schwer laufen. Große Hoffnungen für weitere Fortschritte setzen die Guidos auf eine Delfintherapie, mit der sie bereits gute Erfahrungen gemacht haben. Tim hat inzwischen die Trommel entdeckt. Fast behutsam schlägt er einen Takt, hebt seinen Kopf und grinst. Bereut haben die Guidos ihre Entscheidung für Tim nicht. "Er gehört einfach dazu", sagt die Mutter. Im November erhalten sie die Bundesverdienstmedaille - für die Aufnahme von zwei behinderten Pflegekindern. Denn mittlerweile haben die drei Jungen eine Schwester: Melissa, ein sechsjähriges Mädchen mit Down-Syndrom.


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