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Das Pariser „Café de Flore“ ist ebenso wie das benachbarte „Deux Magots“ mehr als nur ein Kaffeehaus Besser als jedes Theater

Von Birgit Holzer

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Paris. Zufällig wählt Dogan Sumar seinen Sitzplatz nie. Heute hat er einen Stuhl gleich am Eingang ergattert. Dort, wo sich ihm der beste Überblick bietet: Wer kommt, wer geht und wer wem ein Küsschen auf jede Wange drückt. „Ich trinke gerne meinen Kaffee neben Robert De Niro“, sagt der gebürtige Türke und Wahl-Franzose. Er besucht das „Café de Flore“ in Paris nicht wegen des kleinen Espressos – für 4,30 Euro noch das günstigste Getränk. Sondern um zu beobachten. Heute ist De Niro nicht da, dafür hat Dogan eine andere Prominente entdeckt: die Modeschöpferin Inès de la Fressange, die früher für Coco Chanel modelte.

Sehen und gesehen werden: Aus diesem Grund kommen die Promis nicht nur aus der französischen Kultur-, Mode- und Intellektuellenszene, sondern auch viele Schaulustige und Touristen, die aus Reiseführern wissen, dass das „Café de Flore“ ebenso wie das benachbarte „Deux Magots“ nicht einfach nur ein Kaffeehaus ist. Es sind Pariser Institutionen. Rein zufällig sitzt hier keiner.

Beide Häuser leben von ihrem exklusiven Ruf, den berühmten Gästen und dem Starkult um sie. Und betonen doch, dass sie die nicht-prominenten Besucher auch nicht anders behandeln. „Wir lassen jeden herein“, sagt Francis Bonnoau, der vor mehr als 25 Jahren im „Flore“ als Kellner anfing und heute als Geschäftsführer über einen reibungslosen Ablauf wacht. „Wir kennen unsere Gäste. Wenn Dogan zum Beispiel einmal nicht kommt, sind wir beunruhigt“, sagt Bonnoau mit Blick auf den Prominenten-Spotter.

Auch die Kellner in ihrer eleganten, schwarz-weißen Uniform gehören zum Inventar. Das Bedienen bleibt bis heute Männern vorbehalten, so will es die Tradition. Michel arbeitet hier seit 24 Jahren und kam so immer wieder zu Statistenrollen in französischen Kinofilmen. „Hier sitzen sie, die guten Beziehungen“, raunt er, bevor er wieder in die Küche verschwindet. Er und seine Kollegen müssen flink sein. Die 200 bis 250 Plätze sind fast ständig belegt.

Bald nach ihrer Gründung in den 1880er-Jahren wurden das „Café de Flore“, das „Deux Magots“ und die Brasserie Lipp schräg gegenüber Stammlokale der Künstler und Intellektuellen – der Bohème. Im Laufe der Jahrzehnte kamen Maler wie Pablo Picasso und Salvador Dalí, Schauspieler wie Brigitte Bardot und Jean-Paul Belmondo oder Modemacher wie Karl Lagerfeld und Yves Saint-Laurent. Das Philosophen-Paar Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre machte die Lokale gar zu ihrem Wohn- und Arbeitszimmer und untermauerte so deren Ruf als Literaten-Treffs. Das „Café de Flore“ und das „Deux Magots“ verleihen sogar eigene Literaturpreise.

Doch der Café-Kult hat auch Kritiker. Heute seien die Häuser doch nur noch ein müder Abklatsch ihrer glamourösen, aber vergangenen Zeiten, die sie mit Fanartikeln und Souvenirs geschickt vermarkten, heißt es dann. Lebt die Legende überhaupt noch – oder hat sie sich überlebt? „Davon kann keine Rede sein, solange wir so viele Intellektuelle und Politiker zu Gast haben“, erwidert Francis Dupin, Direktor des „Deux Magots“.

Für sie sei es hier ein „ästhetisches Vergnügen“, sagt Guru Hans Knaur. Die in Paris lebende Niederländerin hat sich im „Café de Flore“ eingerichtet, eingelullt in Geschirrgeklapper und das beständige Summen schwatzender Menschen. „Ja, die Preise sind etwas hoch. Aber es ist hier besser als Theater – und ein Kaffee kostet weniger als eine Theaterkarte.“


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