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Künstliche Welten

Holzkohle formiert sich in schwarzglänzendem Gleichmaß zum barocken Garten. Eichenschößlinge sprießen als liebevoll gehegter Miniaturwald in einer künstlichen Welt. Dazwischen ziehen die filigranen Streben eines großen Holzturmes die geistige und optische Verbindung zur Außenwelt: Mit der Orangerie, ihrer Geschichte und ihren Geschichten setzen sich die Installationen auseinander, die seit Freitag die Ausstellungssaison 2008 eröffnen.

Einen überaus kontrastreichen Dialog mit dem Ausstellungsort präsentieren Peter Möller und Birgit Kannengießer, die auf Einladung des Vereins zur Förderung von Kunst und Kultur bis zum 27. April die Sehgewohnheiten herausfordern. Für ihre Präsentation griffen sie nicht auf vorhandene Werke zurück. Vielmehr schufen beide Künstler eigens für die Ausstellung ein Gesamtwerk, das untrennbar mit der Orangerie verbunden ist. Ihrem Wesen als einstiger Schatzkammer der Natur spürte dabei die Osnabrücker Künstlerin Birgit Kannengießer nach, die schlichte Pflanzkübel in assoziative Kunstwelten verwandelte.

"Take away" - der Titel ihrer Installationen erinnert mahnend daran, dass die Gesellschaft der Entdecker und Natur-Sammler längst durch Verbrauch, Raubbau und Zerstörung abgelöst wurde. Momentaufnahmen des Himmels, eingesperrt unter Drahtgeflecht, Goldfische als lebendes Abbild der domestizierten Welt, Plastikbecher, scheinbar achtlos im Sand verteilt, lenken den Blick auf ein gestörtes Verhältnis zur Natur - und das setzt sich im Garten der Orangerie fort, dem in angedeuteten Löchern die Natur scheinbar entrissen wurde.

"Die Künstler drängen nichts auf. Sie geben Anstoß, ohne vorzugeben", erklärte Inge Jaehner, Direktorin des Felix-Nussbaum-Hauses in Osnabrück in ihrer Einführung. Entsprechend unscharf bleibt das Bild, das der Meller Künstler Peter Möller in seiner mehrteiligen "Konstruktion an eine hohe Frau" von der späteren Königin Mathilde zeichnet, die in der Nähe aufgewachsen sein soll. Mal geheimnisvoll lächelnd, dann wieder mit verschmitztem Augenzwinkern blickt sie von 50 Pastellzeichnungen herab - "50 tries failed", vergebliche Versuche einer Annäherung, wie der Künstler im Untertitel einräumt.

Die optische und inhaltliche Verbindung zur Diedrichsburg zieht sein fünf Meter hoher Sperrholzturm, dessen innewohnendes Pendel die Frage nach der Stabilität nicht zuletzt der eigenen Vorstellungen zu stellen scheint. Auch die Diedrichsburg selbst bezog Peter Möller in seine Installation ein: Mathildes Haar, das auf der Höhe des Turmes von sanften Winden gestreichelt wird, erinnert keineswegs zufällig an die Aufzeichnungen des Heimatdichters Wilhelm Fredemann. Vielmehr zieht der Künstler selbst diese Verbindung, indem er mit Fragmenten des Fredemann-Textes Neugier und Fantasie anregt.

Mathilde selbst bleibt jedoch eingehüllt in den Nebel der Vergangenheit und - ungeachtet des bewusst unromantischen Titels - umgeben vom Zauber der Legenden. Die suchenden, fragenden, zunehmend drängenden Rufe des Männergesangvereins Oldendorf, der die Ausstellungseröffnung akkustisch untermalte, bleiben deshalb bis heute unbeantwortet.


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