zuletzt aktualisiert vor

23 Menschen starben Fünf Jahre nach dem Transrapid-Unglück: Die Wunden verheilen nur langsam

Von

Ein Bild der Zerstörung bot sich den Rettungskräften nach dem schweren Unfall im September 2006 auf der Versuchsstrecke in Lathen. Foto: dpaEin Bild der Zerstörung bot sich den Rettungskräften nach dem schweren Unfall im September 2006 auf der Versuchsstrecke in Lathen. Foto: dpa

Lathen. Dieser Tag hat sich tief ins Gedächtnis der Emsländer eingegraben: Fünf Jahre ist es her, dass bei einer Fahrt auf der Teststrecke des Transrapids bei Lathen 23 Menschen starben, zehn wurden zum Teil schwer verletzt. Die Wunden, die das Unglück gerissen hat, verheilen langsam, die schrecklichen Bilder wird keiner vergessen, der an der Unglücksstelle war.

Das Trümmerfeld erstreckte sich über Hunderte Meter. Hoch oben auf der Strecke hatte sich die Magnetschwebebahn tief in den Wartungswagen gebohrt, der als Hindernis auf der Strecke stand – der Hochgeschwindigkeitszug war regelrecht daran zersplittert. Schon aus weiter Ferne war das Ausmaß des Unglücks sichtbar.

Mit Tempo 170 war der Zug auf das Hindernis geprallt. Die Nase lag unten, meterweit war sie geschleudert worden. Teile aus Metall, Scherben von Sicherheitsglas, Fetzen von Füllmaterial, Türen und Sitze lagen herum und dazwischen ein paar blaue Säcke. Was sich darunter verbarg? „Leichenteile“, sagte Landkreissprecher Dieter Sturm mit leiser Stimme. Leichenwagen brachten die menschlichen Überreste schnellstmöglich aus der Hitze des Tages in ein Kühlhaus.

Durch dieses Unglück wurde Hartwin Kramer mit einer der größten Aufgaben seines Lebens konfrontiert. Die Landesregierung bat den Oldenburger, den Opfern und deren Angehörigen als Ombudsmann bei allen Fragen rund um das Geschehen zur Seite zu stehen. „Ich war in allererster Linie ein Tröster“, beschreibt Kramer seine Aufgabe rückblickend. „Das lag daran, dass die Haftungsfrage von Anfang an klar war.“ Die Betreibergesellschaft der Teststrecke, IABG, hatte die Verantwortung übernommen.

Kramer reiste in den folgenden Wochen und Monaten zu den Betroffenen und führte zahlreiche Einzelgespräche: „Die Stunden kann ich gar nicht zählen“, bilanziert der einstige Ombudsmann. „Aber es war für mich menschlich eine unglaublich bereichernde Zeit.“ Die Landesregierung hatte ihn auch mit einem Mobiltelefon ausgerüstet, das die Angehörigen „zu jeder Tages- und Nachtzeit“ anrufen konnten.

Nach zweieinhalb Jahren war die Aufgabe des Trösters weitgehend erledigt. Damals legte Kramer der Staatskanzlei in Hannover einen Abschlussbericht seiner Arbeit vor und verabschiedete sich von den Angehörigen mit einem Rundschreiben. „Meine Tätigkeit war zwar nicht befristet, ich hatte aber den Eindruck, dass meine Aufgabe als Ombudsmann nach zweieinhalb Jahren erledigt war.“ Dennoch wollte er Tröster und Ansprechpartner bleiben. „Wer noch meine Hilfe brauchte, dem habe ich ganz privat geholfen.“

Auch juristisch ist der Fall fast erledigt: Die verantwortlichen Fahrdienstleiter und Betriebsleiter der Anlage sind inzwischen rechtskräftig verurteilt. Und die weitaus meisten Klagen der Opfer und deren Angehörigen seien mittlerweile erledigt, so der Papenburger Rechtsanwalt Ralf Molzahn, dessen Kanzlei insgesamt 22 Hinterbliebene vertreten hat. Einzig ein paar wenige Klagen gegen Versicherungen seien noch nicht abgeschlossen. Grundlage für die schnelle juristische Aufarbeitung war auch dieser Unfallbericht. Im Sommer 2007 belastete sein Inhalt erwartungsgemäß die Betreibergesellschaft schwer: „Insbesondere hätten am 22. September 2006 bei den MSB-Fahrten 1–3 keine Fahrgäste zugelassen sein dürfen, weil bei keiner der Fahrten alle Subsysteme ohne Einschränkung freigegeben waren“, heißt es in dem Papier. Die MSB-Fahrten 1–3 kennzeichnen zwei Rangiermanöver und die anschließende Testfahrt der Magnetschwebebahn, die nach gut 1600 Metern in einer Kollision mit dem Wartungsfahrzeug endete. Die Erinnerung an dieses Unglück hat sich im Gedächtnis des Lathener Samtgemeindebürgermeister Karl-Heinz Weber bis heute eingebrannt. Er war damals auf einer Fahrt zu einem Termin in Lathen-Wahn. „Als wir die Feuerwehr ausrücken sahen, ergab eine sofortige Nachfrage, dass sie zu einem Einsatz auf der Transrapid-Versuchsanlage alarmiert worden war. Alle dachten zunächst an eine Übung. Erst als wir näherkamen und die ineinander verkeilten Fahrzeuge und die Trümmer sahen, wurde uns klar, dass das für uns Unvorstellbare passiert war“, erinnerte sich Weber.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN