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Sommermärchen mit Nebenwirkungen

Von Udo Muras

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Frankfurt. Zwei Wochen noch, dann haben wir wieder eine WM im Land. An unser Sommermärchen wird sie nicht ganz herankommen, aber das erwartet auch niemand. Großen Sport und Gänsehautmomente schon. Damals wurden Helden geboren, jetzt eben Heldinnen. Es ist zu hoffen, dass sie etwas mehr Glück haben als einige männliche Kollegen.

Auf ewig bleiben wird von der WM 2006 sicher dieser magische Moment kurz vor Schluss in Dortmund, als eine von einem fantastischen Publikum angepeitschte deutsche Elf gegen tapfere Polen einen letzten Angriff fährt. Wir sehen ihn noch vor uns, den herrlich getimten Pass von Bernd Schneider in den Lauf des eingewechselten David Odonkor. Der Sensations-Nationalspieler flankt präzise vor das Tor, und da lauert auch schon der andere Joker des Abends – und sticht: Oliver Neuville schießt rutschend das 1:0, das Tor ins Achtelfinale. Der Jubel ist gigantisch; man wird später vom Urknall sprechen, dem Schlüsselerlebnis für die deutsche Mannschaft und für eine wunderbare WM. Und von zwei Helden, die von der Bank kamen.

Fünf Jahre ist das nun her, und unsere Nationalmannschaft ist nach wie vor auf einem guten Weg. Die meisten Eckpfeiler der WM 2006 sind noch da: Lahm, Schweinsteiger, Mertesacker, Podolski, Klose, Friedrich. Aber wo bitte sind unsere Helden von der Bank geblieben? Es scheint, als liege ein Fluch auf ihnen. Dass Karrieren über einen Zeitraum von fünf Jahren stabil bleiben, ist zwar selten, aber dass so viele steil bergab gehen, zumindest seltsam.

David Odonkor, 2008 noch im EM-Kader, hat seit drei Jahren kein Länderspiel mehr bestritten. Er ist 27, hat aber das Knie eines Frührentners. Bei Betis Sevilla hat der Ex-Dortmunder in drei Jahren rund 50 Spiele bestritten, nun ist er vertragslos und hofft, beim Karlsruher SC unterzukommen. Diese Woche wird verhandelt. Der KSC spielt Zweite Liga und wäre um ein Haar abgestiegen in die Dritte, was Arminia Bielefeld passiert ist. Trotz Oliver Neuville, dem Torschützen von Dortmund. Zuvor hatte er in Gladbach zu oft auf der Bank gesessen, da wollte er seine Karriere in Liga zwei ausklingen lassen. Schon nach einem halben Jahr löste er den Vertrag auf, nicht mal beim Letzten reichte es für einen Stammplatz. Gewiss, Neuville ist 37. Die große Karriere lag nicht mehr vor ihm, als er sein WM-Tor schoss. Aber so ein Ende?

Andere WM-Reservisten wiederum standen damals voll im Saft – und stehen jetzt im Abseits. Thomas Hitzlsperger (29), 2008 noch ein Fixpunkt, verpasste die WM 2010, verlor selbst in Stuttgart seinen Stammplatz, scheiterte bei Lazio Rom und stieg jetzt mit West Ham United in England ab. Tim Borowski (31), der den Ausgleich gegen Argentinien vorbereitete und anschließend einen Elfmeter verwandelte, ist seit drei Jahren Ex-Nationalspieler. Er geriet wie so viele, die nach München wechselten, in die Karrierefalle FC Bayern. Seine Rückkehr nach Bremen hat weder ihm noch Werder Glück gebracht. Weiter im traurigen Text: Gerald Asamoah (32) hat nach der WM nur noch 27 Minuten für Deutschland gespielt, degenerierte auf Schalke zum Edel-Joker, wurde an St. Pauli verliehen und stieg ab.

Hamburgs Marcell Jansen (25) ist seit der WM 2010 außen vor. Joachim Löw hat ihn neulich angezählt, er müsse sich steigern. Dauer-Pechvogel Sebastian Kehl (31) hat seit der WM kein Länderspiel mehr gemacht und in Dortmund mehr Spiele verpasst als bestritten, zur Meisterschaft trug er fast nichts bei. Und wer spricht noch von Robert Huth (26), schon bei der WM 2006 als Reservist von Chelsea ein Kuriosum? Vor zwei Jahren letztmals für Deutschland am Ball, geht der Verteidiger nun für Stoke City plötzlich auf Torejagd. Es scheint wieder etwas aufwärtszugehen – wenigstens mit ihm.

* Udo Muras ist Fußballkenner mit einem Faible für nostalgische Ausflüge und einem Sinn für aktuelle Merkwürdigkeiten der Szene. Seine Kolumne erscheint regelmäßig in dieser Zeitung.,


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