zuletzt aktualisiert vor

80 Stunden gegen Gewalt trainiert

Stefan S. hat zugeschlagen. Ob der Alkohol bei der Schlägerei eine Rolle gespielt hat? Stefan zuckt mit den Schultern: "Ist doch klar, bei 1,6 Promille." Wegen Körperverletzung hat er inzwischen mehrfach vor dem Jugendrichter gestanden. Um nicht für längere Zeit in der Jugendstrafanstalt zu verschwinden, hat Stefan jetzt ein von der Jugendgerichtshilfe des Landkreises Osnabrück angebotenes Gewalt-Alternativ-Training (GAT) absolviert.

"Konflikte im Elternhaus und in der Schule, fehlende berufliche Perspektiven, Langeweile und persönliche Schwierigkeiten: Die Ursachen sind vielfältig", so Sonja Gartemann, für den Bereich Jugend zuständiges Vorstandsmitglied der Kreisverwaltung. Mit dem Gewalt-Alternativ-Training versuche die Jugendgerichtshilfe, den Kreislauf aus Frustration und Aggression zu durchbrechen und den Jugendlichen neue Lebensperspektiven zu eröffnen.

Acht junge Männer haben die Chance genutzt: Sie haben sich in den vergangenen Monaten regelmäßig in der Kampfsportschule "ZAK" in Osnabrück getroffen. Die Jugendlichen kommen aus verschiedenen Landkreis-Gemeinden, wie Stefan sind auch sie häufiger gewalttätig geworden. Gewalt sei ein vielschichtiger Prozess: "Das bloße Verbot und die Androhung von Strafe kann die Aggression dieser jungen Leute nicht stoppen", so Marco Hannak, Diplom-Pädagoge und Lehrtrainer zur Deeskalation von Gewalt und Rassismus der Gewalt-Akademie Villigst. Das GAT sei deshalb ein ganzheitliches Training, bei dem es um Fördern und Fordern von Körper, Geist und Seele gehe.

Gemeinsam mit den Trainern Marco Hannak und Erhat Toka haben die jungen Männer insgesamt 80 Stunden miteinander gearbeitet: Ziel des interdisziplinären Konzeptes war es dabei, die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen deutlich zu mindern. Hannak bremst jedoch hochfliegende Erwartungen: "Wunder dauern länger als 80 Stunden." In der intensiven Trainingszeit haben sich die jungen Männer mit den eigenen Taten auseinander gesetzt. Und sie haben sich selbst besser kennen gelernt: Ihr Verhalten in Stresssituationen und ihre wunden Punkte, die in der Vergangenheit immer wieder zur Explosion von Gewalt geführt haben.

Nach 80 Stunden Training gehen die Teilnehmer jetzt wieder getrennte Wege. Doch sie sind zuversichtlich, dass sich in ihrem Leben etwas verändert hat. "Ich war zuerst ziemlich skeptisch, doch für mich hat sich der Kurs gelohnt", so der 19-Jährige Viktor beim Abschluss-Treffen: Er hofft, nie wieder vor einem Jugendrichter zu stehen.